Das Märchen von der Menschenhaut

Oder: was eine Schlange über zwei Visionswanderer denkt...

„Mama, Mama. Heute habe ich gesehen, wie sich zwei Menschen häuten!“

Artu war ausser sich vor Freude.

„Ach Sohn, ich wollte dir schon lange erklären, dass es Unterschiede zwischen Schlangen und Menschen gibt.“

„Nein Mama, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Die Erde hat gebebt, so als würde eine Herde Hirsche vorbei traben. Ich konnte das Trommeln ihrer Hufe spüren.“

„Wir haben hier auf Elba aber keine Hirsche“, widersprach die Mutter.

„Genau! Deshalb bin ich hin und habe mich umgesehen. Doch da waren nur zwei Menschen. Sie lagen auf dem Felsen, der über dem Meer hängt.

Plötzlich hat das Trommeln aufgehört und ich habe gesehen, wie tausend Sterne die Haut der Menschen aufgebrochen haben. Die Haut ist einfach abgefallen und die Sterne haben sie in alle Richtungen verteilt.“

„Ich liebe dich für deine Fantasie, mein Sohn. Aber es ist so, dass sich Menschen nur eine einzige Haut zulegen. Diese tragen sie ein Leben lang. Sie können nicht wachsen und sich eine neue Haut machen so wie wir.“

 

Artu glaubte seiner Mutter nicht. Er war ja dabei gewesen.

Plötzlich hatte er eine visionäre Idee. Er würde die Menschen finden und ein Stück der alten Haut als Beweis mitbringen. Was wäre das für eine Entdeckung. Er wäre damit die bekannteste Forscher-Schlange auf Elba.

 

Gedacht, getan.

In diesem verlassenen Teil der Insel gab es nur einen Weg, welchen Menschen benutzten und dieser führte in eine kleine Bucht, wo bisher alle Zweibeiner Halt gemacht hatten.

Nach einem kurzen Schlenker durchs Unterholz kam auch schon der Strand in Sicht, wo er die beiden Wanderer erspähte. Artu richtete sich seinen Beobachtungsposten unter einem Laubhaufen ganz nahe bei den Menschen ein, so dass er sie belauschen konnte.

 

„Das war unglaublich. Es ist alles von mir abgefallen“, erzählte Eine.

„Mein Körper ist förmlich explodiert“, sagte die Andere.

Artu war nun überzeugt, dass er sich am Morgen nicht getäuscht hatte. Die beiden Menschen hatten auch noch keine klaren Umrisse. Also hatte sich die neue Haut noch nicht gebildet. Dann würde sicher noch etwas von der alten Haut finden.

 

Die Menschen bewegten sich plötzlich und gingen Richtung Meer. Das war Artus Chance. Flink und unsichtbar näherte er sich den Liegeflächen der Menschen. Er suchte zwischen den Steinen nach Überresten der alten Haut.

 

Er war so auf die Suche konzentriert, dass er alles andere vergass, auch die Menschen im Wasser.

„Sie nur, zu unserer Taufe ist eine Schlange erschienen!“ hörte Artu eine Stimme hinter sich.

Artu blickte auf und dicht hinter ihm türmten sich zwei Menschen auf wie riesige Felsbrocken.

„Da musste ich erst sterben um einmal einer Schlange zu begegnen“, lachte der andere Mensch.

Artu schüttelte verwirrt den Kopf: „Was heisst denn hier Sterben?“

 

Seine schnelle Bewegung erschreckte die Menschen: „Was, wenn die Schlange giftig ist?“

Und in dem Moment sah Artu die Umrisse der Menschen wieder ganz deutlich. Sie schrumpften zurück auf die für Menschen übliche Grösse. Die neue Haut hatte sich in Sekunden gebildet. Artu war fasziniert, dass dies so schnell möglich war.

 

Die beiden Menschen wurden nun richtig unruhig. Das brachte auch Artu wieder zur Besinnung und er machte sich schleunigst aus dem Staub.

 

Er hatte die alte Haut der Menschen nicht gefunden und so erzählte er niemandem, was er an diesem Tag gesehen hatte.

 

Viele Jahre später sonnte er sich mit seinem Urenkel auf dem grossen Felsen, der über dem Meer hängt.

„Opa Artu, warum müssen wir Schlangen uns häuten? Könnte unsere Haut nicht einfach mit uns wachsen so wie bei den Menschen? Das wäre viel einfacher.“

„Mein Junge, das ist eine gute Frage. Ich habe lange selbst geglaubt, die Menschen hätten es besser als wir. Doch nur weil die äussere Hülle der Menschen wächst, heisst das noch lange nicht, dass diese äussere Hülle gross genug ist, um dem Platz zu geben, was im Innern wachsen möchte.

Ich habe einmal die wahre Grösse von Menschen gesehen. Sie waren riesig, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Dafür haben sie teuer bezahlt. Sie kamen in den Wald und sind unter lautem Trommeln gestorben. Sie mussten sterben, um ihre zu klein gewordene Haut abzulegen.

Da haben wir es doch einfacher. Bei uns bestimmt die innere Grösse, wann es an der Zeit ist, sich eine neue Hülle zuzulegen.“

 

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