Das Märchen von der wahren Liebe

Martins vier Beine waren gesund, sein Fell von einem mittleren Braun, die

Ohren eher etwas zu gross, was sein Geweih schmächtig aussehen liess.

Doch das war unwichtig. Denn er hatte sie gefunden. Von klein auf wurde den Rehen

beigebracht, die Welt sei ein zu bedrohlicher Ort, als dass man sie alleine

durchschreiten sollte. Das Wichtigste sei deshalb, die wahre Liebe zu finden.

Dann sei ein langes und erfülltes Leben kein Problem mehr.

 

Und Martin hatte sie tatsächlich gefunden. An ihr war alles perfekt. Ihr

Fell war nicht nur von einem Braun sondern eine Mischung aller Farbtöne, die

Martin an Rehen schön fand. Sie mochte die gleichen Zweige und hatte dasselbe

Tempo wie er. Sie war unglaublich klug und verstand alle von Martins Sorgen

auch ohne Worte. Ausserdem hatte sie diesen göttlichen Humor, mit welchem sie

Martin auch an düsteren Tagen ein Lächeln auf das Gesicht zaubern konnte.

 

Sie waren unzertrennlich und führten ein erfülltes Leben. Bis zu jenem Tag

im Herbstmonat. Die Sonne war noch nicht aufgegangen und die beiden grasten an

ihrer Lieblingsstelle.

Ein ungewöhnliches Knistern im Unterholz, ein beissender Geruch im Wind. Ein

verheissungsvoller Blick von Martin genügte und beide spurteten in Richtung

Norden. Ein lauter Donnerschlag ertönte hinter ihnen.

 

Martin flüchtete geräuschlos zu ihrem geheimen Treffpunkt. Dort stellte er

jedoch fest, dass er alleine war. Er wartete, doch sie kam nicht. Erwartete

stundenlang, doch er blieb alleine.

 

Am nächsten Morgen suchte er den Rat der Ältesten auf und berichtete von den

Ereignissen des Vortages.

„Wir müssen einen Suchtrupp zusammenstellen!“, forderte er mehrmals.

Doch die Ältesten schüttelten nur den Kopf: „Zwecklos. Wir werden nichts

finden, was an sie erinnert. Du solltest deine Energie dafür einsetzen, eine

neue Partnerin zu finden.“

Martin war fassungslos. Er hatte die wahre Liebe gefunden. Das versprochene,

erfüllte Leben hatte er bis gestern gelebt und nun sollte er es einfach

vergessen.

 

Was die Ältesten sagten, hatte sich aber noch immer bewahrheitet. So tat

Martin, was ihm aufgetragen wurde und machte sich schliesslich schweren Herzens

auf die Suche nach einer anderen wahren Liebe. Das war ein schwieriges

Unterfangen, denn alle Damen im Wald hatten bereits einen Partner. Einzig die

schrullige, alte Lena war noch alleine.

Martin verbrachte Zeit mir ihr, in der Hoffnung, die wahre Liebe würde sich

entwickeln. Doch er verstand Lena nicht. Sie mochte nicht die gleichen Zweige

wie er und irgendwann war er es leid, ständig auf sie warten zu müssen.

 

„Lena, es tut mir leid aber ich glaube nicht, dass ich deine wahre Liebe

bin.“

Lena schmunzelte: „Ach, wie wäre den meine wahre Liebe so?“

„Mit der wahren Liebe ist jeder Tag die pure Freude. Du fühlst dich sicher und

geborgen. Sie versteht dich ohne Worte und das Leben macht mit ihr einfach

Sinn“, meinte Martin mit verträumtem Blick.

„In dem Fall kannst du wirklich nicht meine wahre Liebe sein, denn ich habe

sie schon gefunden. Genauso fühle ich mich nämlich, wenn ich durch den Wald

streife. Dann bin ich in meinem Element und mein Herz fühlt sich zu hause.“

 

Martin musste einen Moment über Lenas Worte nachdenken. Er war begeistert

von der Idee, für die wahre Liebe keine Partnerin zu brauchen.

„Ich werde das auch versuchen. Der Wald soll meine wahre Liebe werden. Danke

für alles, Lena!“

 

So zog Martin alleine weiter. Er streifte durch die Wälder auf der Suche

nach dem Gefühl der wahren Liebe. Allerdings versetzte ihn jedes unbekannte

Geräusch und jeder ungewöhnliche Geruch in panische Angst.

 

Eines Nachts zog ein Gewitter auf. Donnerschlag folgte auf Donnerschlag.

Martin hielt es nicht mehr länger aus und rannte. Er rannte, bis er den Wald

weit hinter sich gelassen hatte.

 

Am nächsten Morgen erwachte er unter einem Baum auf einer Wiese.

„Was tust du hier?“ krächzte ein Käuzchen im Baum.

„Ich dachte, ich würde im Wald meine wahre Liebe finden aber es will nicht

klappen. Ich werde nie wieder ein erfülltes Leben haben“, jammerte Martin.

Das Käuzchen legte den Kopf zur Seite: „Warst du schon bei der Quelle der

wahren Liebe?“

Da war Martin mit einem Schlag hellwach: „Wovon sprichst du?“

„Die grosse Eule hat erzählt, wenn man vom Wasser trinkt und geduldig in die

Quelle schaut, wird sich die wahre Liebe zeigen.“

„Wo ist diese Quelle der wahren Liebe? Da muss ich unbedingt hin.“ Martins

Sehnsucht war so gross, dass er bis ans Ende der Welt gegangen wäre, um diese

Quelle zu finden.

„Das Wasser im Holz auf dem Mutterhügel“, antwortete das Käuzchen altklug.

„Ist das ein Rätsel, das ich lösen muss, um mir die wahre Liebe zu verdienen?“

Das Käuzchen prustete los und hielt sich den Bauch vor Lachen: „Was für eine

absurde Idee. Nein, siehst du den grossen Hügel, der von vielen kleinen umringt

ist? Denn nennen wir Mutterhügel. Es gibt zwei Brunnen, einen aus Stein und

einen aus Holz. Viel Glück.“

 

Das Käuzchen lachte immer noch, als es davon flog.

Martin hatte den Hügel im Nu erreicht und stand vor besagtem Brunnen. Er

atmete tief durch und ging langsam auf den Brunnen zu. Vorsichtig trank er

einen Schluck. Das Wasser schmeckte komisch. Süsslich fast faulig. Als die

Wasseroberfläche wieder zur Ruhe gekommen war, sah er darin aber nur sein

Spiegelbild. Also wartete er.

 

Er wartete lange. Seine Beine begannen zu Schmerzen. Doch er wollte unter

keinen Umständen seine wahre Liebe verpassen. Also ertrug er auch den Hunger.

Er traute sich noch nicht einmal, aus dem Brunnen zur trinken aus Angst, er

könnte die Wasseroberfläche genau dann stören, wenn sich die wahre Liebe zeigen

wollte.

 

Gegen Mittag wurde ihm schwindlig, doch er harrte aus.

Irgendwann landete eine Fliege im Wasser. Die kleinen Wellen verzerrten das

Spiegelbild.

„Verzieh dich! Ich warte auf meine wahre Liebe und du störst.“

- Aber ich bin doch hier. -

Martin konnte nicht genau sagen, aus welcher Richtung die zarte Stimme kam. Er

starrte ungläubig die Fliege an: „Warst du das? Sollst du etwa meine wahre

Liebe sein?“

Doch die Fliege machte sich wortlos und verängstigt aus dem Staub.

- Ich bin doch hier, hier unten -

Er schaute ganz tief in den Brunnen, doch er sah nur sein eigenes Spiegelbild.

„Wo bist du? Ich sehe dich nicht.“

- Hab keine Angst. Ich gehe nicht weg. Ich werde dir gerne beibringen, noch

genauer hinzusehen. -

„In welche Richtung muss ich den schauen?“

- Nur in die Tiefe deiner Quelle. -

„Keine Ahnung, was du meinst. Wenn ich dich nicht verstehe, kannst du nicht

eine wahre Liebe sein.“

 

Entmutigt und müde liess sich Martin zu Boden fallen: „Was soll das alles?

Verdiene ich es nicht, die wahre Liebe zu finden?“

- Aber ich bin doch längst hier -

„Ich kann dich noch nicht einmal sehen. Alles ist verschwommen. Vielleicht

halluziniere ich ja.“

 

Martin schloss die Augen. Hinter seinen Augenliedern tanzten viele kleine

Lichter.

- Siehst du mich jetzt? -

„Bist du diese Lichter in meinem Kopf?“

- Sagen wir mal, ich bin in dir drin. -

„Jetzt führe ich schon Selbstgespräche. Wo soll das enden?“ dachte Martin

irritiert.

- Es endet bei mir. -

„Oh, du weisst was ich denke?“ Martin war noch verwirrter.

- Ich bin doch immer bei dir. Wir sind eins. Ich weiss, was du denkst und

fühlst, weiss was du brauchst. Ich bin für dich da, immer. Du musst dich nie

wieder einsam fühlen. -

 

Martins müde Muskeln entspannten sich allmählich.

„Das klingt herrlich. Nie wieder einsam, einfach herrlich. Wie heisst du den,

meine imaginäre Liebe? Wie siehst du aus? Oh, kann ich mir aussuchen, wie du

aussiehst?“

- Du kannst mich sogar per Eil-Krähe liefern lassen. -

Martin musste herzlich lachen und mit dem Lachen stieg eine wohlige,

beruhigende Wärme in ihm auf.

„Du hast ja einen göttlichen Humor! Aber mal im ernst; wer bist du?“

 

Stille.

 

Die Lichter hinter Martins Augenliedern verblassten langsam, doch

die wohlige Wärme in seinem Herzen blieb. Dann vernahm er diese Worte:

- Schau in den Spiegel und ruf deinen Namen.

Sieh genau hin und sag deinen Namen so lange, bis du mich spürst.

Ich werde dich innig umarmen und jede deiner Zellen erfüllen, immer dann, wenn

du deinen eigenen Namen sagst.

Martin, du bist die Liebe deines Lebens -

 

„Also muss ich doch alleine alt werden“, seufzte Martin.

- Spielt das eine Rolle? –

„Hhm, ja. Das tut es. Ich habe keine Lust, alleine zu bleiben!“

- Ein Vorschlag zur Güte: wie wäre es, wenn wir beide uns erst einmal besser

kennen lernen und dann gemeinsam auf die Suche nach einer Partnerin machen? –

„Habe ich denn eine Wahl?“

- Dir bleibt ja immer noch die schrullige Lena...-

 

 

Ich wünsche dir wundervolle Erfahrungen auf deiner Suche,

Daniela

 

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