Weihnachtsmärchen: Schneckenjammer...

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Eine Weihnachtsgeschichte für grosse und kleine Menschen über die Kunst, im Weihnachtsrummel die wahren Geschenke zu erkennen. Die Märchen-Apotheke wünscht besinnliche Weihnachten und einen beflügelten Neuanfang 2017.

Für Buchstabenliebhaber:

Knirsch, Knarsch.

Die kleine Schnecke Bani schüttelte den Kopf und zog sich ganz weit in ihr Schneckenhäuschen zurück. Schliesslich hatte dieses sie bisher erfolgreich vor jeder Bedrohung beschützt.

Doch je weiter sich Bani an seinen Zufluchtsort zurückziehen wollte, desto lauter wurde das unheimliche Geräusch.

Knirsch, Knarsch.


Und da erkannte er erst das Ausmass des Schadens. Da waren mehrere grosse Stücke aus dem Haus heraus gebrochen.


Bani wusste nicht weiter. Er schlich auf und ab bis die Sonne den Horizont schon mit Gold bemalte. Schliesslich raffte er sich auf und brachte die Bruchstücke seines Hauses unter dem grossen Baum in Sicherheit.


Als er am nächsten Morgen aufwachte, wollte er seine Augen gar nicht aufmachen, in der Hoffnung, es sei alles nur ein böser Traum gewesen. Doch er fühlte den Wind auf seinem Körper, dort wo sein Häuschen ihn eigentlich vor Wind und Wetter hätte schützen müssen. Und da musste er ganz fürchterlich weinen.

 

Vom Schneckenjammer aufgewacht kam das gute Eichhörnchen herbei geeilt. Es erkannte sofort, was die Schnecke bedrückte und lief zurück in seinen Bau. Bani bemerkte den neuen Freund erst, als dieser eine ausgehöhlte Baumnuss neben ihn gerollt hatte.


„Es ist nicht so schön wie dein Altes aber es hält dich vorerst warm.“


Da schluchzte und heulte Bani noch viel lauter: „Aber es ist nicht mein Häuschen. Ich brauche es. Wer bin ich schon ohne mein zu Hause? Nur eine unbedeutende, nackte Schnecke.“


Das Eichhörnchen sah sich den Hausschaden nun genauer an: „Ich habe gehört, die Elster hätte ein Wunderding, das stärker ist als Harz. Sie hat meinem Onkel einen Zahn wieder eingesetzt und der Krähe die abgeschossenen Federn angeklebt. Aber das wird dich etwas kosten.“

„Wo? Sag mir, wo ich diese Elster finden kann. Ich tue alles, wenn es einfach wieder so ist wie früher“, stöhnte Bani.


Das Eichhörnchen beschrieb Bani den Weg. Er setzte die Baumnuss auf seinen Rücken und machte sich sofort auf, die Elster zu suchen.

„Es ist nicht weit“, hatte das Eichhörnchen gesagt. Aber was wusste es schon von der Welt einer Schnecke.


Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt bereits überschritten, als ein Schmetterling Banis Weg kreuzte: „Du bist ja eine geniale Schnecke! Ein wirklich originelles Haus hast du da.“

„Sei still“, zischte Bani. „Mein zu Hause ist kaputt. Ich bin auf dem Weg zur Elster, damit ich es reparieren kann. In dieser muffeligen Nuss bleibe ich nicht länger als nötig“.


„Bis zur Elster ist es noch ein ganz schönes Stück, für eine Schnecke zumindest“, meinte der Schmetterling. „Aber ich leihe dir gerne meine Flügel.“

„Ich will deine Flügel nicht, ich will einfach nur mein zu Hause wieder haben“, schluchzte Bani.


Der Schmetterling hatte Mitleid mit der kleinen Schnecke und flog voraus, um die Elster zu informieren. Als die beiden zurückkamen, lag Bani immer noch weinend im Gras.


„Hör auf!“, schimpfte die Elster. „Solange du noch weinen kannst, kann es dir gar nicht so schlecht gehen.“

Bani ignorierte diesen Kommentar: „Das Eichhörnchen hat gesagt, du hättest etwas, womit ich mein Häuschen reparieren kann.“

„Na klar! Die Elster hat alles. Aber das kostet dich etwas, zwei Goldstücke um genau zu sein.“


Hätte Bani Ohren gehabt, hätte er sie bis zum Boden hängen lassen.


„Sei mal nicht so“, sagte der Schmetterling zur Elster. „Morgen ist Weihnachten. Du könntest doch dieser Schnecke am Heiligabend ihren grössten Wunsch erfüllen. Ist das nicht Belohnung genug?“

„Na schön“, stöhnte die Elster. „Ich komme morgen mit dem Kleber vorbei.“


Bani war überglücklich. Und am nächsten Tag, es war Weihnachten, kam die Elster wie versprochen vorbei.


„Ist dieser Kleber wirklich das, was du dir am meisten wünschst?“, fragte sie Bani.

„Ja, ich brauche ihn ganz dringend. Ich will mich wieder zu Hause fühlen“, strahlte die Schnecke.


Die Elster schüttelte nur den Kopf. Sie liess den Kleber fallen und erhob sich in die Lüfte. Bani schnappte sich den Kleber, doch als er sich umdrehte, sah er gerade noch, wie sich die Elster im Sturzflug die Überreste seines Häuschens schnappte.


„Zu Weihnachten schenke ich dir die Freiheit, mein Freund.“


Bani war entsetzt, traurig und wütend zugleich. Doch es half nichts. Die Elster brachte das Häuschen nicht zurück.


So lebte Bani eine Weile in einer Baumnuss, trug mal eine Mütze auf dem Rücken und war sogar in einem kleinen Auto unterwegs. Doch er vermisste sein richtiges zu Hause.


Irgendwann traf er wieder auf den Schmetterling: „Du bist doch diese geniale Schnecke. Jetzt hast du sogar Räder, cool. Was meinst du, wollen wir tauschen?“


Bani wollte schon ablehnen, doch da traf es ihn wie ein Blitz: er würde fliegen können. Die erste Schnecke mit Flügeln!

„Ja, lass uns tauschen“, murmelte Bani.

„Bei unserem letzten Treffen wolltest du die Flügel nicht“, sagte der Schmetterling. „Wieso hast du deine Meinung geändert?“

Bani musste einen Moment überlegen: „Nun, ich vermisse mein Häuschen. Hatte immer geglaubt, eine rechte Schnecke braucht ein rechtes Haus auch wenn es zu schwer ist, um damit zu fliegen. Aber wenn ich nicht zur rechte Schnecke mit Haus gemacht bin, könnte ich ja auch eine ganz besondere Schnecke mit Flügeln sein!"


Und so erhielt Bani Flügel...


Wer weiss, vielleicht fliegt er in diesem Moment über dein Haus und deinen Weihnachtsbaum und nimmt alles mit, was du eigentlich gar nicht mehr brauchst.



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