Eine dieser Reisen

purpule hills (zauberberge) ladakh

 

„Es ist an der Zeit zu gehen, meine Liebe“, sagte Walars Mutter am späten Nachmittag.

„Deine Tante wartet auf dich. Sie braucht deine Hilfe für den grossen Markt morgen.“

 

Walar freute sich seit Wochen auf den Markt. Auch wenn sie den ganzen Tag am Marktstand ihrer Tante arbeiten würde, so gäbe es noch genügend spannende Geschichten zu hören und zu erleben. Denn von Geschichten lebte man in den Höhen von Ladakh im Himalaya. Schliesslich gab es sonst wenig zu tun und wenig an Unterhaltung. Ganz besonders im Winter. Und dieser Winter schien Walar unendlich lang.

 

Sie lebte in einer Welt, in welcher sich die Farbe der Berge von Minute zu Minute ändern konnte. Die Sonne konnte einen Berg von erhabenem Anthrazit innert Sekunden in ein kräftiges Purpur verwandeln. Wenn dann noch Wind, Wolken und Schnee ihren Beitrag leisteten, entstand eine schier unbeschreibliche Märchenlandschaft.

 

Doch nach sieben langen Wintermonaten, in welchen sich die Familie im Zelt auf engstem Raum um das Yak Dung Feuer drängte und sich kein Mensch in das entlegene Tal verirrte, wurde auch diese Märchenwelt zu einem beengenden Gefängnis.

So machte sich Walar frohen Mutes auf den Weg zu ihrer Tante. Es wären drei Stunden Fussmarsch bis zum Kloster. Walar kannte den Weg, doch es war das erste Mal, dass sie ihn alleine gehen durfte. Vorbei an den Zelten zum Tal hinaus.

Da wurde sie bereits von den Knallkäfern begrüsst. Walar war mit geflügelten Käfern aufgewachsen. Das Geräusch ihres Flügelschlags klang in Walars Ohren wie tausend kleine Explosionen. Explosionen, die jedes Jahr den Frühling verkündeten.

 

Doch so einen grossen Schwarm wie heute hatte sie noch nie gesehen. Vielleicht würde er sie zur ominösen Höhle der Knallkäfer führen. Ein Junge im Kloster hatte einmal von so einer Höhle erzählt, in der mehr Käfer wohnten als es Sterne am Himmel hatte. Und in Ladakh hatte es sehr viele Sterne am Himmel.

 

Walar folgte dem Schwarm in der Hoffnung, er würde sie zur Höhle führen. Doch dieser war schnell und flink. So bemerkte Walar gar nicht das Knochengerippe am Wegrand, welches die Kreuzung zum Tal der Vergänglichkeit markierte. Hier kamen die Tiere her, um ihre letzte Reise anzutreten.

bergparadies ladakh

 

Doch noch stand die Sonne hoch und das hell erleuchtete Tal sah nicht anders aus als die anderen Täler. Walar bemerkte also nicht, dass sie von ihrem Weg abgekommen war. Sie eilte immer noch hinter den Knallkäfern her.


Plötzlich verschwanden die geflügelten Käfer hinter einem Felsen und das Knallen verstummte sofort.

„Da musste der Eingang zur Höhle sein“, dachte Walar. Als sie den Felsen endlich erreicht hatte, fand sie aber nur ein Loch von der Grösse ihres Daumens. Da würde sie nicht hindurch passen.


Die Sonne versank bereits hinter dem Blumenberg und der kalte Griff des Schattens umschlang Walars Beine. Sie stieg den Hang hoch, um dem Schatten und der Kälte noch ein paar Minuten entkommen zu können, doch die Sonne hatte sich verabschiedet und mit ihr die Wärme des Tages und des Lebens.

Walar kauerte sich neben einen Felsen. Die Kälte hatte sie bereits von allen Seiten eingekreist.


Sie würde es heute nicht mehr zum Haus ihrer Tante schaffen. Walar hatte Angst. Eine dicke Träne kullerte über ihre Wange.

 

Da begann es zu rascheln und zu pfeifen im Dämmerlicht. Die Steine schienen sich zu bewegen und kamen auf Walar zu. Sie waren herrlich warm und zu Walars Erstaunen ganz weich. Es mussten Walars Freunde, die Hamster-Hasen, sein. Doch im Dämmerlicht waren sie optisch nicht vom Geröll zu unterscheiden. Eingebettet in die warmen, pelzigen Steine döste Walar ein.

Sie erwachte, weil die Erde erbebte. Mit halb geöffneten Augen sah sie vor sich die Gestalt eines Vierbeiners. Die Geisterpferde waren gekommen, um sie in ein Gerippe zu verwandeln.

 

„Bitte tut mir nichts. Ich habe mich verlaufen und will gar nicht hier sein!“ flüsterte Walar in die sternenklare Nacht hinaus. Ob die Geister sie wohl verstehen konnten?

„Ich will dir nichts tun“, antwortete die Gestalt.

 

Erst jetzt getraute sich Walar, ihre Augen ganz zu öffnen. Im Scheine des zunehmenden Mondes leuchtete das kleine Pferd vor ihr silbrig weiss. Es war mager aber sich kein Geister-Gerippe.

 

„Aha, bist du das Einhorn aus den Geschichten der alten Marktfrau und bringst den Frieden in den Himalaya und die ganze Welt?“ fragte Walar.

„Ich weiss nichts von Einhörnern und meine Welt ist  dieses Tal. Hier ist nichts, was nicht friedlich wäre. Die Bewohner dieses Tales nennen mich Esel.“

 

Walar war verwirrt aber die Gestalt vor ihr wollte ihr offensichtlich nichts Böses tun. „Freut mich, Esel. Ich bin Walar und habe mich verlaufen. Ich wollte eigentlich zum Markt.“

„Nun, hier kannst du nicht bleiben. Du würdest erfrieren. Aber ich kenne ein Yak, das dir weiterhelfen kann. Ich bringe dich gerne hin.“

Und so ritt Esel mit Walar hinaus in die Nacht.

Walar erwachte als die Sonne ihre Nase kitzelte. Sie lag auf einer Wiese am heiligen See. Von Esel fehlte jede Spur.

 

„Der blöde Esel! Das war keine Hilfe.“ In welche Richtung sollte Walar jetzt gehen? Verzweiflung machte sich in ihr breit.


Da erinnerte sie sich, dass der alte Mönch ihr einmal von einem heiligen Yak erzählt hatte, welches im heiligen See lebte. Er erzählte, das Yak würde jeweils mit ihm schwimmen und ihn von seinen Rückenschmerzen heilen.

 

Ein Versuch war es wert: „Tsomoriri, tsomoriri!“ rief Walar in der Sprache der Ladakhi.

 

Nichts geschah. Walar wusste nicht mehr weiter. Sie rollte sich auf der Wiese zusammen und schloss die Augen. Sie würde einfach hier liegen bleiben.


Plötzlich hörte sie es im Wasser gurgeln und vor ihr stand ein kleines, braunes Yak.

„Es gibt dich tatsächlich!“ rief Walar entzückt. „Allerdings hatte ich mir dich grösser vorgestellt. Und dein braunes Fell sieht auch nicht sehr heilig aus.“

„Hast du mich gerufen, um mit mir über meine Frisur zu diskutieren?“ fragte das Yak etwas irritiert.

„Natürlich nicht, entschuldige. Ich habe mich verlaufen und finde den Weg zum Markt nicht.“

„Das ist einfach“, sprach das Yak. „Gehe immer weiter nach rechts dem Ufer entlang bis du die Menschen hörst. „

„Danke dir!“ rief Walar erleichtert. „Liebes Yak, ich bin hungrig. Kannst du mir da vielleicht auch helfen?“

Mit einer eleganten Kopfbewegung des Yaks landete ein Horn vor Walars Füssen: „Ich will dir eines meiner Hörner schenken. Die Welt braucht ohnehin mehr Einhörner.“

 

Walar nahm das Horn an sich. Es war hohl und fühlte sich mit einer milchigen Flüssigkeit.

 

"Zum Milchkaffe schmecken die Edelweiss des Himalaya neben dir sehr gut. Und wenn du sonst noch etwas von mir brauchst, schlag einfach auf das Horn und ich werde kommen.“


„Vielen Dank. Leb wohl, heiliges Yak!“

Walar machte sich auf den Weg. Doch mit jeder Minute stieg die Sonne höher. Es wurde heisser und Walars Schritte immer schwerer. So würde sie nie rechtzeitig zum Markt schaffen. Ihre Tante würde sich schon wahnsinnig Sorgen machen, weil sie die Nacht weggeblieben war. Sie dachte daran, auf dem Yak Horn zu trommeln und das Yak um Hilfe zu bitten.


Doch da entdeckte sie zwei grosse Vögel am Seeufer, die Walar noch nie in den Bergen gesehen hatte. Das Gefieder schimmerte verführerisch im Morgenlicht. Aber als Walar sich näherte, wurden die Tiere unruhig. Majestätisch breiteten sie ihre Schwingen aus und erhoben sich in die Lüfte.

 

Eine grosse Feder landete zu Walars Füssen. Sie hob sie auf. Das Farbenspiel verzauberte das Mädchen. Wenn sie die Feder in ihrer Hand drehte, warfen sie das Licht des Regenbogens zurück.

 

Walar erinnerte sich an die Geschichten ihrer Grosmutter von den Regenbogen Kranichen des nördlichen Tibets. Lange vor Walars Geburt kamen die Tiere nach Ladakh um zu nisten. Ihre Anwesenheit brachte den Menschen stets Glück und Wohlstand. Krankheiten wurden besiegt und immer eine gute Ernte eingefahren. Doch mit den Unruhen an der Grenze blieben die Tiere den Bergen Ladakhs fern.

 

Walar steckte die Feder an ihren Hut und ging weiter ihres Weges. Jetzt waren ihre Schritte leicht und beschwingt, als würde sie vom Wind getragen. Walar erinnerte sich, dass ihre Grosmutter auch gesagt hatte, die Regenbogen Kraniche würden jene Menschen, die im Herzen rein waren, immer beschützen. Sie blickte dankend zum Himmel auf der Suche nach den Tieren, doch sie blieben verschwunden.

 

Kaum hatte Walar sich versehen, drangen schon die Geräusche des Marktes an ihr Ohr. Hinter den ersten Zelten erblickte sie auch schon ihre Tante. Unter heftiger Schelte umarmte sie Walar mehrfach und auch wenn ihre Worte etwas anderes ausdrückten, glaubte Walar in den Augen ihrer Tante Erleichterung zu erkennen.

 

„Wo warst du bloss Kind?“ wollte ihre Tante wissen.

„Ich habe mich verlaufen“, antwortete Walar und wollte schon ansetzten, um ihre unglaubliche Geschichte zu erzählen, nicht zuletzt um sich zu vergewissern, dass dies auch alles wirklich passiert war. Doch das geschäftige Treiben des Marktes liess keinen Raum für Walars Geschichte. Es war nicht der richtige Zeitpunkt.

 

Abends sass Walar am Feuer im grossen Zelt ihrer Tante. Ihr Bruder und ihr Cousin erzählten abenteuerliche Geschichten von Schamanen, Zauberern und Fabelwesen, welche sie auf dem Markt gehört hatten. Walar lauschte den Bildern und spürte die Töne der Geschichten. Allerdings sollten diese Geschichten von anderen Leuten nur ihre nächsten Wanderungen inspirieren und keine andere Kraft über ihr Leben mehr haben.

 

Walar hatte begriffen, dass die Geschichte eines Anderen meistens zum falschen Zeitpunkt erzählt wurde und somit die gleiche Kraft wie eine Unwahrheit entwickeln konnte.

 

So wollte sie nur noch ihren eigenen Geschichten Kraft geben. Denn nur bei ihren eigenen Geschichten konnte sie sicher sein, dass der Zeitpunkt richtig war. Das Leben schrieb sie hier und jetzt und das Leben irrte sich nicht.

 

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