Die Lizenz zum Sterben

lizenz zum sterben
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Bisher dachte ich immer, die Wunder der heutigen Medizin, die unser Leben verlängern, wären ein Geschenk zum Wohle aller. Nachdem ein lieber Mensch nun seit 2 Wochen mit dem Leben oder dem Sterben ringt, bin ich mir da nicht mehr so sicher.

 

Gäbe es nicht die Wunder der Medizin, wäre er vor zwei Wochen einfach nicht mehr aufgewacht. Er wäre sanft hinüber geglitten. So zumindest in meiner Vorstellung. Zu Beginn war ich noch dankbar, dass ich Gelegenheit hatte, mich zu verabschieden. Ich war froh, dass der Sterbende noch die Chance erhält, sich mit dem Tod auseinander zu setzen und gewisse Angelegenheiten zu klären.

 

Zwei Wochen später ist mein Fazit sehr ernüchternd. Die letzten zwei Wochen waren geprägt von den Entscheidungen dritter Personen in Weiss, die der Sterbende noch nie zuvor gesehen hatte, und deren Einfluss auf unser Leben. Sie waren geprägt von Unwissenheit und Schmerz. Von einem Hoffen wider besseren Wissens, was keinen Platz für Abschied und Trauer gelassen hat.

 

Und plötzlich hat sich das Hinüberschreiten in die nächste Welt von einem friedlichen, sakralem Prozess in einen Todeskampf verwandelt. Dennoch befasst sich der Sterbende lieber mit den unbekannten Weissen als mit dem unbekannten Licht, das auf ihn wartet.

 

Warum will der Mensch sein Leben verlängern?

Warum bevorzugen wir den unsagbaren physischen Schmerz gegenüber dem Tod?

Ist die Angst vor der nächsten Welt wirklich schlimmer als der körperliche Schmerz in dieser Welt?

 

Wir haben den Anspruch, unseren Liebsten nach Möglichkeit die Schmerzen zu ersparen. So oft habe ich die Aussage gehört: „Die Ärzte können nichts mehr tun. Wir wollen ihm oder ihr jetzt einfach die Schmerzen ersparen.“

 

Wenn ich energetisch beobachte, was die Schmerzmittel mit dem Sterbenden machen, bin ich nicht mehr sicher, ob das der richtige Weg ist. Denn die hoch dosierten Schmerzmittel bringen die Sterbenden in meiner Wahrnehmung in eine Zwischenwelt, in welcher weder der Abschied von dieser Welt noch das Hinüberschreiten in die Nächste möglich ist. Könnte es sein, dass wir unseren Liebsten die Schmerzen ersparen wollen, weil wir es selbst nicht ertragen, ihren Schmerz mit an zu sehen?

 

Provokativ formuliert: Wir setzen die Sterbenden unter Drogen, weil wir uns nicht mit unserem eigenen Abschiedsschmerz auseinander setzten wollen. Und dem ganzen ziehen wir noch das Mäntelchen des barmherzigen Samariters an. Sind es letztlich wir, die unseren Liebsten die Lizenz zu sterben nicht ausstellen wollen? Hat es vielleicht gar nichts mit der Medizin zu tun?

 

Was habt ihr für Erfahrungen mit der Begleitung von Sterbenden gemacht?

 

Daniji

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Susanne (Sonntag, 10 August 2014 17:33)

    Sehr interessante Sichtweise Daniji. Ich denke, das ist ein wunder Punkt in unserem System. Ich wünsche mir, dass die Ärzte in den Spitälern mehr spirituelles Wissen in ihre Arbeit einfliessen lassen würden. Sie könnten dann vielleicht den Sterbenden und den betroffenen Angehörigen das akzeptieren der Situation und das Loslassen eher näher bringen. Wenn auf beiden Seiten die Angst vor dem Sterben schwindet, kann der Sterbeprozess in seiner vollen Würde vonstatten gehen.