Wolkengänger

 

Ein Königreich unsagbar schön, ein Palast unsagbar rein und einen Vater unsagbar weise. Das nannten Li und Lu ihre Heimat. Das Land war einzigartig und versorgte seine Bewohner mit allem, was sie zum Leben brauchten. Das Wasser in den Quellen war klar wie Kristall, die Wiesen in den Tälern saftig grün und die Kühe waren die fettesten weit und breit.

 

Li und Lu waren seit ihrer Geburt unzertrennlich. Li dachte was Lu fühlte und Lu wusste was Li wollte. So war es schon immer gewesen. Auch wenn die beiden äusserlich betrachtet ganz verschieden waren, fragte ihr Vater sich manchmal, ob sie nicht die gleiche Seele waren, die einfach in zwei Körpern wohnte.

 

Die beiden waren niemals einsam, denn sie hatten ja einander und genossen ihr Leben wie es war. Doch der König hatte schon manchen Frühling erlebt und als seine Augen schwächer wurden, wollte er einen Gemahl für seine Töchter suchen. Er wollte das Hochzeitsfest noch mit seinen eigenen Augen sehen und in diesem Körper miterleben können und sein Königreich in den Händen eines würdigen Nachfolgers wissen.

 

Und alle kamen sie in den Palast, um beim König vorstellig zu werden und um die Hand der schönen Lu anzuhalten. Von Lus Schönheit hatte man weit gehört. Ihre goldenen Locken streichelten das porzellanweisse Gesicht eines Engels und wenn Lu durch einen Raum schritt, sah es aus als würde sie auf Wolken schweben, so fein und elegant waren ihre Glieder. Der König hatte immer gesagt, Li wäre mehr das Abbild ihres Vaters was Raffinesse, Humor und die kräftige Statur betraf.

 

So kamen die Prinzen der umliegenden Königreiche einer nach dem anderen in den Palast. Der Prinz des hohen Nordens war der Erste. Ein kräftiger, gutaussehender Bursche, dessen Königreich sich bis an das Ende der Welt erstreckte. Doch die schöne Lu fand etwas an seiner Nase recht unsympathisch.

„Li, du bist die Kluge. Sollen wir mit diesem Mann zusammen leben?“

„Ich will darüber nachdenken“, sagte Li und zog sich in ihr Zimmer zurück. Sie setzte sich auf den grossen Ohrensessel, schloss die Augen und dachte nach. Doch die Antwort wollte sich nicht gleich zeigen. Sie versank immer tiefer im Sessel und plötzlich öffnete sich die Decke des Zimmers. Li sah den Himmel, die Sonne und die Wolken, obwohl es bereits Nacht war. Die Wolken glitzerten ganz sonderbar. Li erhob sich um dies näher zu betrachten. Als würde sie eine unsichtbare Treppe erklimmen, stand sie plötzlich vor den Toren einer Stadt.

 

Die Stadtmauern schimmerten und schienen immer in Bewegung. Kein Stein blieb auf dem anderen, doch die Mauer stand. Das Tor bestand aus tausenden von Sternen, die sich wie ein Vorhang zur Seite schoben als sich Li näherte. Die Blumen der Stadt läuteten ihre Glocken zur Begrüssung. Doch kein Mensch war zu sehen.

 

Li spazierte den bewegenden Mauern entlang bis sie auf einem Stein plötzlich das Gesicht des Prinzen aus dem hohen Norden zu erkennen glaubte. Als sie dein Stein berührte, begannen die anderen Steine sich zu drehen und zu tanzen. Als sie wieder zur Ruhe gekommen waren, betrachtete Li die Bilder auf den angrenzenden Steinen. Sie erzählten Li eine Geschichte. Li zog ihre Hand zurück und die Steine drehten sich und hüpften, so dass sich die Geschichte veränderte. Li wollte einen der Steine aus der Wand ziehen, doch da fiel sie durch ein Loch in den Wolken und landete wieder im Sessel in ihrem Zimmer.

 

Am Morgen erwartete der Prinz des hohen Nordens eine Antwort.

„Niemals wollen wir mit einem Mann leben, der den Wein höher schätzt als seine Frau. Unsere Flüsse würden sich rot färben wie der Wein und alsbald austrocknen“, sprach Li.

„Ich weiss, dass ich letzte Nacht zuviel getrunken habe aber ich will es nie wieder tun.“

 

Li und Lu waren beide von dem Geständnis überrascht aber es hatte ihre Entscheidung nur noch bekräftigt. Und im hohen Norden tobte bald ein grausiger Krieg, der die Flüsse mit dem Blut der Soldaten rot färbte.

 

Als der Prinz der Berge des Ostens sich vorstellte, bat die schöne Lu ihre Schwester erneut, darüber nachzudenken, denn die Augen des Prinzen waren ihr recht unsympathisch. Li zog sich in ihr Zimmer zurück und setzte sich in ihren Sessel. Nach einigen Stunden öffnete sich wieder die Decke und Li stieg zu der Stadt in den Wolken empor. Dieses Mal entdeckte sie einen Stein mit dem Gesicht des Prinzen der Berge des Ostens und als sie nach dem Stein griff, begannen die umliegenden Klumpen sich zu drehen und zu tanzen. Li erschrak über die Bilder, die ihr die Steine zeigten und sie landete im gleichen Moment wieder in ihrem Sessel.

 

Am Morgen erwartete der Prinz seine Antwort. Li sprach: „Niemals wollen wir mit einem Mann leben, der das Leben eines Tieres nicht gleich zu schätzen weiss wie sein eigenes. Unsere fetten Kühe würden sonst dahin gerafft.“

„Aber der Hund hat mir letzte Nacht den Schlaf geraubt!“ protestierte der Prinz.

Und bald wurden die Berge im Osten von einer schlimmen Seuche heimgesucht, so dass bald keine einzige Kuh mehr da war.

 

Als der Prinz des sonnigen Westens in den Palast kam, fand Lu seine Stimme recht unsympathisch. Also zog sich Li auf ihr Zimmer zurück und bald öffnete sich die Zimmerdecke und sie stand vor den Toren der Stadt in den Wolken. Doch heute stand ein kleiner Junge vor dem Sternentor.

„Lebst du hier?“ wollte Li wissen.

„Hier lebt niemand. Dies ist ein Ort der Möglichkeiten, von denen nur das Leben selbst wählen dar. Uns Wolkengängern ist es jedoch gestattet, das Leben um Rat zu fragen. Wähle deine Fragen weise.“ Der Junge verschwand durch ein Loch in den Wolken und Li machte sich auf die Suche nach dem Stein mit dem Gesicht des Prinzen aus dem sonnigen Westen. Die Steine drehten sich und tanzten und erzählten Li von einer Möglichkeit.

 

Am nächsten Morgen sprach Li zum Prinzen: „Niemals werden wir mit einem Mann leben, der die Wahrheit nicht gleich schätzt wie seine Frau. Die Lügen würden bald unser schönes Königreich verbrennen.“

„Ich lüge nie!“ log der Prinz des sonnigen Westens. Doch im Westen gab es einen heissen, trockenen Sommer. Ein Funke wurde zu einem Grossfeuer, das bald alles Grüne verschlungen hatte.

 

Und die Leute sprachen miteinander. Alsbald erzählte man sich in allen Himmelsrichtungen, dass die beiden Prinzessinnen all die Katastrophen verursacht hatten. Kein Anwärter warb mehr um ihre Hand. Li und Lu war das ganz recht, denn sie hatten ja einander. Nur der alte König mit den müden Augen war traurig, dass er keine Hochzeit mehr sehen würde.

 

Ein Jahr später getraute sich dann aber der Prinz der Olivenbäume im Süden trotzdem in den Palast, um die Prinzessin zur Frau zu nehmen. Lu hatte nichts an der feinen Gestalt des Prinzen auszusetzen, doch Li wollte erst darüber nachdenken. Doch der König sah in dem Prinzen seine letzte Chance ein Hochzeit zu sehen und sprach: „Bis zum Morgen sollt ihr entscheiden, welche von euch beiden den Prinzen ehelichen will. Ansonsten werde ich es tun.“

 

Lu war ängstlich, doch Li beruhigte sie: „Ich werde bestimmt etwas Furchtbares über ihn herausfinden. Vater würde uns nie einem schlechten Manne zur Frau geben.“

Doch in dieser Nacht schlief Li tief und fest und die Zimmerdecke blieb dunkel.

Am Morgen flüsterte Li zu Lu: „Wir müssen dem Prinzen nur Angst machen, dann wird er keine von uns mehr wollen.“

„Sag Prinz, warum bist du hierher gekommen? Weisst du nicht, dass die Königreiche der anderen Anwärter von schlimmen Katastrophen heimgesucht wurden?“

„Natürlich kenne ich die Geschichten. Doch wir haben bereits eine Katastrophe. Die Arbeiter weigern sich, die Oliven zu pflücken. Unser Seher sagt, nur die Heirat mit einer Wolkengängerin könne das Übel noch abwenden und jeder weiss, dass Prinzessin Lu wie auf Wolken schwebt.“

 

Wenn der Prinz von den Wolkengängern wusste, konnte er kein schlechter Mensch sein, dachte Li. So wählte sie die Möglichkeit, die das Leben ihr bot, ohne dass sie selbst die Geschichte der Zukunft kannte, und willigte in die Hochzeit ihrer Schwester ein.

 

Der König sah endlich seine Hochzeit und wenn die schöne Lu durch die Olivenhaine des Südens wandelte, würden die Arbeiter ihr mit Freuden die Oliven pflücken. Lu begleitete natürlich ihre Schwester und heiratet den Seher. Und die beiden verbrachten viele wunderschöne Stunden in der Stadt in den Wolken, auch wenn die Bilder der Steine für sie nie wieder einen Sinn ergaben oder das Leben immer eine andere Möglichkeit wählte, als die Geschichte der Steine aufzeigen würde.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Susanne (Samstag, 11 Januar 2014 19:41)

    Schönes Märchen!