Der Meister

 

Jack tat sich schwer mit Regeln. Er konnte es sich auch nicht erklären aber auf Verbote reagierte er anders als die meisten Menschen. Sie inspirierten ihn, einen kreativen Weg um sie herum zu suchen.

 

Doch Jacks Stadt war nicht bereit für diese Form der Kreativität. Als er eines Nachts seine Kreativität an den Schaufenstern der Geschäfte auslebte, sahen ihm die Anstandsmänner dabei zu. Also brachten sie ihn direkt zum Meister für Gebote und Verbote. Ein weiser und mächtiger Mann. Das wusste auch Jack. Trotzdem wirbelten in seinem Kopf bereits alle möglichen Ideen, wie er die Anweisungen des Meisters umgehen konnte, noch während dieser sprach.

 

Der Meister für Gebote und Verbote war nicht dumm und merkte sofort, dass er mit Jack nicht gleich verfahren konnte wie mit anderen zuvor. Er selbst hatte seinen Frieden in der Struktur von Geboten und Verboten gefunden und glaubte, dass Struktur auch Jacks Rettung sein würde.

 

Also schickte er Jack zum Meister der Struktur. Dieser lebte im alten Schloss zu Thun. Jack sollte ein Jahr bei ihm lernen. Das Schloss war durch und durch strukturiert. Jeder Schüler hatte seine eigene quadratische, kahle Zelle. Auch der Tagesablauf der Schüler war minutiös geplant. Während einige Schüler hier wirklich lernten und Frieden fanden, konnte Jack kaum atmen. Die Struktur wollte ihn erdrücken und wie es Jacks Natur entsprach, musste er die Struktur verlassen.

 

Auf dem Weg zum Speisesaal rannte er an einem Wärter vorbei und flüchtete aufs Dach. Dort setzte er sich auf den äussersten Rand der Steine und atmete die kühle Nachtluft ein. Als die Wärter ihn fanden, dachten sie, er wolle davon fliegen wie es andere verwirrte Geister versucht hatten.

 

Also schickte man ihn zum Meister der Gedanken um Jacks Gedanken zu entwirren. Dieser lebte auf dem höchsten Berg, wo das ganze Jahr Schnee lag. Jack sollte dort den Rest des Jahres mit ihm leben und lernen. Der Meister der Gedanken kannte das Chaos, welches im Kopf eines Menschen seinen Ursprung fand. Er hatte aber auch die Erfahrung gemacht, dass das Chaos ein Ende fand, wenn die Gedanken alle aus dem Kopf befreit werden konnten. Und dies versuchte er durch Gespräche und Kunst.

 

Jack malte, schrieb und sprach, Tag für Tag. Er genoss es, seiner Kreativität freien Lauf lassen zu können. Doch Jacks Körper beklagte sich. Er hatte hier nichts zu tun und fand es furchtbar langweilig. Er wollte rennen, klettern und in die Luft springen. Doch der Meister der Gedanken schenkte dem Körper keine Beachtung und eines Nachts tobte Jacks Körper und zwang ihn, in den Schnee hinaus zu gehen. Es fühlte sich gut an. Kälte, Anstrengung und Bewegung.

 

Am nächsten Morgen fanden die Anstandsmänner Jack im Schnee. Es gelang ihnen im letzten Moment Jack aufzuwecken. Die Meister berieten sich. Sie wussten nicht, wie sie Jack noch helfen konnten. Schliesslich sprach einer aus, was die anderen schon längst gedacht hatten. Die Insel der Hoffnungslosen.

 

Schweren Herzens setzten sie Jäck in ein Boot. Sie sagten ihm, sie würden ihn zum Meister der Mitte schicken, weil niemand es übers Herz brachte, Jack zu sagen, dass sie ihn aufgeben mussten.

 

Als Jack an Land ging, war da niemand. Es blieb ihm nichts anderes übrig als zu warten. Gegen Abend kam ein alter Mann vorbei.

„Ich warte auf den Meister der Mitte“, sagte Jack.

„Den kenne ich nicht“, antwortete der alte Mann. „Aber ich kann dir zeigen, wo du etwas zu essen findest.“

Jack willigte ein und folgte dem alten Mann. Nachdem er etwas gegessen hatte, wusste er nicht was er als nächstes tun sollte.

„Was soll ich jetzt tun? Bisher hatte ich immer einen Meister, der mir gesagt hatte, was ich mit mir selbst anfangen soll.“

„Nun, die Menschen hier tun was nötig ist und nicht mehr“, erwiderte der Alte.

„Woher weiss ich denn, was nötig ist?“

„Das wirst du ganz schnell selbst heraus finden, mein Junge“, und damit verabschiedete sich der alte Mann.

 

Jack suchte sich einen geeigneten Platz, um eine Hütte zu bauen. Als er durstig war, suchte er Wasser und als er hungrig war, suchte er etwas zu essen. Er liess sich dabei Zeit. Er hatte ja sonst nichts zu tun. Jack lernte schnell, welche Regeln er hier befolgen musste, um mit der Natur friedlich zusammen leben zu können. Denn wen er es nicht tat, würde er Hunger leiden, frieren oder keinen Schlaf finden. Doch bald war alles Nötige getan. So starrte Jack einfach aufs Meer hinaus. Irgendwann fand er sogar Gefallen am Nichts-Tun.

 

Jack wusste nicht wie lange er schon alleine gewesen war als der alte Mann wieder vorbei kam.

„Wie geht es dir?“ fragte der Alte.

„Ich weiss es nicht. In mir drin ist es so ruhig“, antwortete Jack.

„Gut. Dann bist du ja bereit meine Insel wieder zu verlassen.“

„Aber ich habe noch nicht einmal den Meister der Mitte getroffen“, protestierte Jack.

„Was willst du den von ihm?“

„Ich will lernen, was ich tun muss, um meine Mitte zu finden“, antwortete Jack weise.

„Nun gut, dann warte hier auf ihn.“

 

Die Tage vergingen. Jack ass und trank und schaute auf das Meer hinaus. Irgendwann kam der alte Mann wieder vorbei.

„Weißt du, alter Mann, ich bin das Warten auf den Meister der Mitte leid. Vielleicht sollte ich mir einfach einen anderen Meister suchen.“

Der Alte lachte und zog ein Stück Papier aus der Tasche, auf das er etwas kritzelte.

„Es ist wirklich an der Zeit, dass du einen Meister findest. Hier hast du eine gute Adresse.“ Dann ging der alte Mann seines Weges. Jack faltete das Papier in seiner Hand auseinander. Darauf stand:

 

Diplom für Jack

Zertifizierter Meister der Mitte

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Andrew (Dienstag, 24 Dezember 2013 15:41)

    Herrliche Geschichte.
    Wer sucht der findet, wer aufhört zu suchen, der findet auch!