Der Wartesaal

 

Manja begleitete ihre Mutter immer zur Klinik. Seit sie ein kleines Mädchen war, kamen sie regelmässig ins Hospital. Es war schön da. Der Garten war riesig. Unzählige Schmetterlinge schwebten durch die Luft und die Wasserspeier sorgten dafür, dass sich Manja auch als Kind nie langweilte.

 

Die Innenräume der Klinik waren ebenfalls hübsch. Es gab einen Wartesaal für Harmonie, ewige Liebe, Selbstvertrauen und Freiheit. In den letzten Jahren hatten sie grosse Fortschritte in der Forschung gemacht und seit es auch Spritzen für inneren Frieden und Erleuchtung gab, wurden zwei weitere Wartesaale eröffnet.

 

Den Wartesaal für ewige Liebe kannte Manja auswendig, da ihre Mutter hier viel Zeit verbrachte. Die Krankenschwestern trugen alle Uniformen in der Form eines grossen Herzens. Sie waren so weich, dass sich Manja als Kind immer um die Beine der Schwestern schlang und ihr Gesicht im weichen Plüsch der Uniform vergrub.

 

Während ihre Mutter auf ihre Spritze wartete, ging Manja auf Erkundungstour durch die Klinik. So kannte sie mittlerweile alle Schwestern und Ärzte und fast jeden Winkel des Hospitals. Doch der Forschungsbereich war immer fest verschlossen gewesen. Manja hätte dieser Bereich brennend interessiert. Sie wollte doch so gerne ihrer Mutter helfen. Ihre Mutter kam jeweils her für eine Spritzenkur bis sie einen neuen Mann kennen lernte. Dann ging es ihr gut und sie brauchte nicht in die Klinik zu gehen. Wenn Manja den Mann für ein paar Tage nicht zu Gesicht bekommen hatte, wusste sie, dass der nächste Besuch im Hospital kurz bevor stand.

 

Doch heute hatte wohl ein Arzt in Eile vergessen, die Tür zur Forschungsabteilung richtig zu verschliessen. Manja ergriff ihre Chance und schlüpfte hinein. Sie folgte einem langen Gang mit vielen Türen, die aber alle verschlossen waren. Am Ende des Ganges führte eine dunkle Treppe in den Keller. Manja konnte nicht widerstehen und schlich nach unten. Da kam sie in einen grossen, hell erleuchteten Raum. Der Raum war voller Tische und auf den Tischen türmten sich unzählige Fläschchen. Ein Tisch war mit Harmonie beschriftet, einer mit Freiheit und ein anderer mit ewiger Liebe.

 

Weiter hinten stand ein Mann in weissem Kittel. Er schüttete eine rosa Substanz in eine Badewanne. Dann nahm er den Schlauch und füllte die Wanne mit Wasser. Die rosa Mischung wurde dann in Fläschchen abgefüllt, die mit ewiger Liebe beschriftet waren.

 

„Betrüger! Ihr habt meine Mutter betrogen. Wie soll ihr denn das Wasser helfen?“ schrie Manja wütend.

Der Mann drehte sich ruhig um. „Komm her und sieh es dir an.“

Vorsichtig trat Manja näher.

 

„Weißt du, früher kamen die Menschen mit allen möglichen Beschwerden zu uns. Deine Mutter zum Beispiel klagte immer über Schmerzen in der Brust. Doch wir konnten ihr nicht helfen. Als sie mir erzählte, dass sie die ewige Liebe sucht, hatte ich die Idee. Ich gab ihr eine Spritze mit Wasser und sagte, es helfe dabei die ewige Liebe zu finden. Und das war das erste Mal, dass sie länger als einen Monat nicht ins Hospital kommen musste. Und es hat nicht nur bei deiner Mutter funktioniert. Wir konnten vielen Menschen helfen. Nun sag mir, ob das wirklich etwas Schlechtes ist.“

„Aber ihr lügt die Menschen an!“ protestierte manja.

„Seit wann sind Glaube und Hoffnung eine Lüge?“

 

 

 

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