Mutter Natur

 

Finn liebte die Naturstunde beim alten Kobold. Er konnte Mutter Natur in so farbenfrohe Gestalten hüllen, dass Finn jedes Mal aufs Neue überrascht war. Er konnte kaum glauben, dass jede dieser Figuren eigentlich das gleiche Wesen war. Und erst die Abenteuer, die Mutter Natur erlebte. Finn war überzeugt, dass ihr die ganze Welt gehören musste.

 

Bald würde er sie höchstpersönlich treffen. Im Alter von 6 Jahren durfte jedes Kind zu Mutter Natur reisen. Die Erwachsenen sagten, dass sei wichtig, damit die Kinder kein falsches Bild von ihr hätten. Finn hatte tausend Bilder von ihr und fragte sich manchmal, welches davon wohl das Richtige sei.

 

An seinem 6. Geburtstag war es dann soweit. Mutter hatte ihm am Vorabend aufgetragen, dass er am nächsten Morgen nicht sprechen dürfe, damit Mutter Natur die nötigen Reisevorbereitungen treffen könne.

 

Am nächsten Morgen, der Tag war noch nicht erwacht, kam der Kobold um Finn zu wecken. Er nahm ihn an der Hand und führte ihn ins Wohnzimmer. Das Wohnzimmer sah so aus wie an jedem anderen Tag auch und Finn war ein bisschen enttäuscht. Irgendwie hatte er etwas besonderes erwartet.

 

Der Kobold deutete auf das Sofa, also setzte Finn sich hin.

„Du wirst jetzt einfach meinen Worten folgen, nichts weiter. Mutter Natur wird den Rest erledigen. Schliess deine Augen und lehne dich zurück. Konzentriere dich auf deine Nasenspitze und wenn du den Wind spürst, folge ihm. Er kennt den Weg.“

 

Finn atmete ein paar Mal kräftig ein und aus, doch da war kein Wind um ihn mitzunehmen. Bald langweilte er sich. Ob er wohl etwas falsch gemacht hatte? Und in diesem Moment wurde er von einer sanften, kaum spürbaren Brise in die Nase hinein geführt. Der Wind wurde stärker und trug ihn immer weiter in den Kopf hinein.

 

Finn war überrascht. Nicht nur hatte er eine Reise in ferne Länder erwartet, er war auch überrascht darüber, was er jetzt alles wahrnehmen konnte. In seinem Kopf sah es aus wie bei einem Feuerwerk. Tausend Farben explodierten in jeder Sekunde. Da waren so viele Bilder. Finn konnte ihnen gar nicht folgen.

 

Der Wind trieb ihn weiter voran. Er fiel in einen dunklen Tunnel. Es war feucht und von irgendwo her kam ein unangenehmer Geruch. Er fiel immer schneller und konnte noch sehen, dass sich der Tunnel in zwei teilte.

 

Dann landete er in einem grossen Wald. Die Bäume waren riesig und ihre Äste reichten viel weiter als Finn sehen konnte. So hatte sich Finn den Regenwald am Amazonas vorgestellt.

„Hallo?“ Er bekam keine Antwort, doch er sah, dass sich der Wind durch die Äste immer weiter weg bewegte. Also folgte er ihm.

 

Plötzlich verschwand der Wind durch eine Wand. Dahinter musste ein Fluss liegen. Finn konnte das Rauschen hören.

„Ich kann dir nicht folgen, Wind. Da ist eine Wand.“

„Was bist du?“ raschelte es in den Bäumen.

„Nun ich bin Finn aus der Welt der Menschen.“

„Nun Finn, wenn du aufhörst das zu glauben, wird es keine Wand mehr geben.“

 

Finn hatte keine Ahnung, was die Bäume meinten. Er streckte seine Hand aus, um nach einem Loch in der Wand zu suchen. Doch da war keine Hand. Da war nur Licht, das an manchen Stellen heller leuchtete als an anderen. Und ehe er sich versah, war das Licht bereits auf der anderen Seite der Wand. Er machte einen weiteren Schritt auf die Wand zu. Etwas ergriff seine Hand auf der anderen Seite und er flutschte durch die Wand, als hätte sie nie existiert.

 

Er befand sich in einem riesigen Fluss, noch viel breiter als der Nil in Afrika. Und da waren tausende von Fischen in allen Formen und Farben.

„Hallo ihr!“

„Hallo Finn.“

„Ihr könnt ja sprechen.“

„Warum auch nicht? Du kannst das ja auch.“

Finn wusste nicht, was er darauf hätte antworten sollen. Also liess er sich einfach treiben.

 

Plötzlich hörte er ein lautes Trommeln.

„Was ist das?“

„Das Stadtzentrum.“

„Welche Stadt den?“

Doch die Fische lachten nur und stürzten sich in die Stromschnellen. Und dann sah Finn die sogenannte Stadt. Da waren so viele Fische und andere Wesen und es gab mehrere Tore, die von der Stadt weg führten. Der Fluss trieb Finn in Richtung eines grossen Tores und ihm blieb nichts anderes übrig als zu folgen. Hinter dem Tor war wieder ein kleiner Fluss.

 

„Hier musst du raus, Finn.“

„Wohnt Mutter Natur hier?“

Finn konnte ein Feuer hinter den Wänden des Flusses erkennen und ehe er sich versah, war er wieder durch die Wand geflutscht.

 

Dahinter fand er eine riesige Werkstatt vor. Wesen, die er aus den Geschichten des Kobolds kannte, waren fleissig am Werk. Sie brachten alle möglichen Sachen zum Feuer im Zentrum. Finn staunte. Sie waren wirklich alle da: Feen, Zwerge, Riesen, Tiere in allen Farben und da kam auch eine Schar von den ungewöhnlichen Blumen.

 

„Entschuldigt, wo finde ich Mutter Natur?“

„Hinter dem Feuer.“

Also ging Finn um das Feuer herum. Doch keines der Wesen schien Mutter Natur zu sein.

Da schubste ihn eine Blume ins Feuer hinein. Finn erschrak, doch er fiel einfach durch das Feuer hindurch.

 

Und dann wurde es still. Finn wollte sich umsehen, doch er konnte sich nicht richtig bewegen. Das Licht seiner Hände und seines Körpers wurde immer grösser und verteilte sich in alle Himmelsrichtungen. Finn bekam Angst.

 

„Hallo. Ist hier jemand? Ich glaube ich habe mich verlaufen.“

„Wo willst du den hin?“

„Ich sollte Mutter Natur treffen.“

„Warum wolltest du sie treffen?“

„Meine Mutter und der Kobold sagen, es wäre wichtig, damit ich mir kein falsches Bild von ihr mache.“

„Was für ein Bild hast du den von ihr?“

„Nun, sie muss wunderschön sein und gross und bestimmt hat sie Superkräfte oder einen Zauberstab. Schliesslich hat sie die Welt erschaffen.“

„Finn, ich bin Mutter Natur.“

„Aber wo bist du? Ich kann dich nicht sehen.“

„Du siehst mich doch die ganze Zeit. Du siehst die Bäume und Flüsse, du spürst den Wind. Und du siehst mich jeden Morgen, wenn du in den Spiegel schaust.“

„Das bist alles du?“

„Ich bin alles, was du dir vorstellen kannst. Ich bin du. Alles was du siehst, denkst und fühlst.“

 

Finn war verwirrt. „Aber was soll ich meinen Freunden erzählen, wie du aussiehst? Sie werden mir nicht glauben, dass ich dich getroffen habe.“

„Sag ihnen einfach, dass du dich selbst getroffen hast. Und irgendwann werden sie dich verstehen.“

 

Also ging Finn ein wenig enttäuscht den Weg zurück, den er gekommen war. Und ehe er sich versah, sass er wieder auf dem Sofa und starrte in die erwartungsvollen Gesichter des Kobolds und seiner Mutter.

„Und, wie war es?“

Finn zögerte. Vielleicht hatte er sich das alles ja nur eingebildet.

„Weniger aufregend, als ich es mir vorgestellt hatte.“

„Sehr gut!“ grunzte der Kobold. „Hast du Mutter Natur getroffen?“

„Nein, ich habe nur mich selbst getroffen.“

 

Und die strahlenden Augen der beiden verritten ihm, dass es gut so war.

 

 

 

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Kommentare: 2
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