Die Tochter des Meeres

 

Calolim war ein kleines Fischerdorf. Die Menschen hier lebten in einfachen, selbstgebauten Hütten auf Stelzen. Jeder Junge im Dorf wurde Fischer so wie sein Vater. Mit 14 Jahren hatte er das Recht, mit dem Bau seines eigenen Fischerbootes zu beginnen. Oft dauerte es Jahre, bis ein Boot fertig gestellt war. Aber in Calolim hatte man Zeit. Sobald ein Boot fertig war, durften die jungen Männer um eine Braut werben.

 

Levy hatte sein Herz verschenkt, lange bevor er mit dem Bau seines Bootes begonnen hatte. Lisa war ihr Name. Sie war so schön wie die Orchideen im Abendrot, doch sie konnte so schnell schwimmen wie die Jungen des Dorfes. Lisa wartete auf Levys Antrag und wies alle anderen Bewerber ab. Und als Levys Boot endlich fertig war, wurde am nächsten Tag die Verbindung geschlossen. Am Stand im Angesicht der Wellen, des Windes und der Sonne erklärten die beiden dem Dorf, dass sie fortan zusammen gehören und für einander da sein wollten, was auch immer das Leben für sie bereit halten möge.

 

Die Männer des Dorfes halfen dem Paar beim Bau ihrer Hütte und als Lisa und Levy einzogen, wurde ein grosses Fest gefeiert. Man briet Fisch auf einem grossen Feuer am Strand und holte den selbst gebrannten Whisky aus den Regalen. Es wurde bis tief in die Nacht gefeiert und das Fest dauerte noch an, als Levy und Lisa sich längst in ihre Hütte zurück gezogen hatten.

 

In jener Nacht und fortan bei jedem Vollmond sprachen die Frauen im Dorf zu Neptun und baten um einen gesunden Jungen für das Paar. Eine Kerze wurde unter die grosse Palme gestellt, um der Seele des Jungen den Weg zu weisen.

 

Nur Mia sprach in jener Nacht und in den darauf folgenden Vollmond Nachten zu den Wellen und bat sie, ein Mädchen zu schicken. Es gab wenig Mädchen in Mias Alter im Dorf und die meisten gaben sich kaum mit Mia ab. Denn sie war anders. Mia hatte zwei kräftige Beine und einen flinken Arm. Doch an ihrer Rechten Körperseite hing nur ein Stummel, der nicht zum Netzt flicken, weben und waschen taugte. Mia war einsam.

 

Die Frauen aus dem Dorf brachten während eines Jahres bei jedem Vollmond eine Kerze zu der Palme. Dann hörten sie auf. Doch Mia war immer noch einsam. In jeder Vollmond Nacht setzte sie sich unter die Palme und sang, was aus ihrem tiefsten Innern kam.

 

Levy und Lisa hätten sich ein Kind gewünscht, doch sie hatten einander und genossen die Zweisamkeit. Sie waren überzeugt, dass Neptun ihnen zu gegebener Zeit eine Seele schicken würde. Und das tat er. Lisa gebar ein Mädchen mit grossen, blauen Augen so tief wie der Ozean. Sie nannten sie Pani, Tochter des Meeres.

 

Und das war sie. Wenn Pani schlecht schlief, ging Lisa mit ihr am Strand spazieren. Das Rauschen des Ozeans würde sie sofort besänftigen. Noch bevor Pani laufen konnte, schwamm sie wie ein Fisch und nichts schien ihr mehr Freude zu bereiten, als mit dem Dreibaum ihres Vaters auf das offene Meer hinaus zu fahren.

 

Eines Tages waren Lisa und Pani am Strand. Lisa kümmerte sich um die Löcher in den Fischernetzen während Pani den Krebsen nachjagte. Als Lisa sich das nächste Mal umsah, war Pani verschwunden. Eine Welle spühlte ihren Schuh ans Ufer. Lisa bekam es mit der Angst zu tun. Sie lief ins Meer hinaus und rief Panis Namen. Doch von Pani keine Spur. Lisa schwam so schnell sie konnte und merkte nicht, dass die Strömung sie immer weiter vom Stand abtrieb.

 

Als Levy nach Hause kam, sass Pani bei den Netzen im Sand. Doch Lisa war verschwunden. Nach einer Woche waren sich die Leute im Dorf sicher, dass Neptun Lisa zu sich geholt hatte.

 

Levy war tief betrübt. Er kam tagelang nicht aus dem Bett und trauerte um seine geliebte Frau. In dieser Zeit kümmerte sich Mia um Pani. Sie fühlte sich für die Kleine verantwortlich, weil sie die Wellen gebeten hatte, Pani herzubringen. Sie war sich sicher, dass Neptun als Ersatz für seine Tochter nun Lisa geholt hatte. So zumindest erzählte die Uralte, die auf dem Hügel lebte.

 

Levy erholte sich nicht von seinem Verlust. Er verliess wohl wieder das Bett, um seiner Arbeit nachzugehen, doch seine Agen waren immer blutrot. Immer wenn er alleine auf dem Meer war, weinte er dicke Tränen und verfluchte Neptuns Ungerechtigkeit. Und Levy kehrte immer mit leeren Netzen zurück. Er zwang sich jeden Tag aufzustehen und hinaus zu fahren. Doch ihm fehlte die Kraft, sich auch noch um Panis Bedürfnisse zu kümmern.

 

Eines Nachts, Levy wollte gerade das Boot klar machen, weinte Pani ganz fürchterlich. Ihm blieb nichts anderes übrig, als das kleine Mädchen mit zu nehmen. Sobald sie auf dem Wasser waren, beruhigte sich Pani sofort. Sie begann leise vor sich her zu singen. Als sie im Morgengrauen zurück kehrten, waren die Netze voll. Levy konnte sie gar nicht alleine an Land bringen.

 

Auch in der nächsten Nacht weinte Pani so fürchterlich, dass Levy sie mitnehmen musste. Und wieder kehrten sie mit vollen Netzen zurück. In der nächsten Nacht bat er Mia, sich um Pani zu kümmern. Sobald Levy mit dem Meer alleine war, musste er wieder weinen. Und in dieser Nacht fing Levy keinen einzigen Fisch.

 

Er beschloss, von nun an Pani mitzunehmen, damit er Gesellschaft hatte und sein weinen nicht die Fische vertreiben würde. Jede Nacht sang Pani eine Melodie auf dem Boot und jeden Morgen kehrten sie mit vollen Netzen nach Hause zurück.

 

Eines Nachts fragte Levy seine Tochter, welche Lieder sie eigentlich sang.

„Ich antworte nur Mama. Sie ist so traurig und alleine.“

Die Farbe wich aus Levys Gesicht. „Du darfst die Toten nicht stören, Mia.“

„Aber Mama ist nicht tot. Sie ist jede Nacht bei uns.“

Das war der Moment, in dem Levy sich von seiner Tochter abwendete. Zu gross war noch der Schmerz über seinen Verlust und zu tief sass der von den Fischern über Generationen gepflegte Aberglaube.

 

Von da an verhielt sich Levy seiner Tochter gegenüber kühl und distanziert. Er weigerte sich, sie weiterhin mit aufs Meer zu nehmen. Es war ihm zu gefährlich. Eines Morgens fand er Panis nasse Kleider auf der Wäscheleine als er vom Fischen zurück kam.

„Wo warst du?“

„Ich habe Mama besucht.“

 

Das war zuviel für Levy. Er brachte Pani zu Mia. „Ich habe keine Tochter mehr.“

 

Mia wusste, welche Schauermärchen man sich im Dorf über die Tochter des Meeres erzählte. Und sie glaubte ihnen, schliesslich hatte sie selbst diese Seele gerufen. So fühlte sie sich verpflichtet, sich um Pani zu kümmern.

 

Doch das Leben mit Pani war schwierig. Sie blieb oft nächtelang weg und Mia machte sich Sorgen. Nicht so sehr um Pani, als vielmehr darüber, dass jemand aus dem Dorf sie finden würde. Vielle der Fischer weigerten sich mittlerweile auch, den beiden Essen zu verkaufen. Wenn sie überleben wollten, brauchten sie ein eigenes Boot.

 

Wenn Pani nur ein Junge wäre, dann wäre das kein Problem. Und als Mia keinen anderen Ausweg mehr sah, schnitt sie Pani die Haare kurz und des Nachts machten sie sich auf den Weg in ein neues Leben. Nach zwei Wochen in unwegsamem Gelände erreichten sie den kleinen Strand, der seit der grossen Welle verlassen war. Hier gab es genug Baumaterial für eine Hütte und ein Boot. Hier würden sie bleiben.

 

Mia hatte viele Boote entstehen sehen, doch sie wusste nicht genau, worauf man beim Bau achten musste. Wenn die beiden nicht mehr weiter wussten, liessen sie die Arbeit einfach ruhen. Für den Moment versorgte sie der Strand mit genügend Früchten. In jeder dieser Nächte würde sich Pani in die Wellen stürzen und am nächsten Morgen mit den nötigen Antworten für den Bootsbau zurück kommen.

„Woher weißt du das alles, Pani?“

„Wenn ich es dir erzähle, schickst du mich weg.“

„Ich verspreche dir, das werde ich nicht tun.“

„Ich frage meine Mama. Sie weiss alles. Sie kann mir sogar sagen, wo und wann die grossen Fischschwärme auftauchen.“

Mia zögerte, doch die Neugierde war schliesslich zu gross.

„Wo ist denn deine Mama?“

„Keine Ahnung. Aber ich höre sie in meinem Herzen und wenn ich unter Wasser bin, ist die Welt so still, dass ich sie ganz deutlich verstehen kann.“

 

Mira fehlten die Worte.

„Kannst du sie jetzt in diesem Moment hören?“

„Natürlich nicht. Ich rede ja mit dir Mia.“

 

Als das Boot, ein simpler Einstämmer, fertig war, stachen sie in See. Doch ausser ein paar Krebsen war nichts in ihrem Netz. Des Nachts schlich sich Pani raus und sprang in die Fluten. Am nächsten Morgen kehrte sie mit einem Sack voller Muscheln zurück.

 

„Es gibt Muschelsuppe. Ich dachte, das würde dich aufheitern Mia.“

Als sie die Muscheln öffneten, sprang aus jeder Muschel eine Perle.

„Wo hast du die gefunden?“

„Beim Muschelfelsen draussen. Meine Mama hat mich hin geführt.“

„Pani, damit müssen wir uns nie wieder Sorgen machen. Wir werden immer von allem genug haben.“

„Hatten wir das denn bisher nicht?“ fragte Pani.

 

Die Zeit verging und mit den Jahren kamen immer mehr Leute an den kleinen Strand. Man schenkte Mia und ihrem vermeintlichen Sohn keine besondere Beachtung, da die meisten selbst froh waren, dass niemand nach ihrem früheren Leben fragte.

 

Eines Morgens, Pani war wieder beim Muschelfelsen gewesen, erklärte sie Mia, dass sie ihren Vater besuchen müsse. „Mama sagt, sein Herz sei krank.“

Mia hatte so viele Perlen, dass es für drei Leben reichte. Um sich selbst machte sie sich auch keine Sorgen, als Pani mit dem Boot in See stach.

„Bis bald“, rief ihr Pani zu, doch Mia war sich sicher, dass sie die Tochter des Meeres nie wiedersehen würde.

 

Nach drei Tagen erreichte Pani den Strand, an dem sie geboren wurde. Die Hütte ihres Vaters war in die Jahre gekommen.

„Was willst du Fremder?“ Ihr Vater hatte die kurzhaarige Pani nicht erkannt.

„Im Dorf habe ich gehört, dass du Hilfe mit deiner Hütte brauchen könntest. Ich suche einen Platz zum Schlafen und würde dafür die Hütte reparieren.“

„Na gut. Aber geh mir nicht auf die Nerven.“

 

Als Levy abends das Boot klar machte, bot ihm Pani an, ihm beim Einholen der Netze zu helfen. Also fuhren sie gemeinsam hinaus aufs Meer. Levy war fast eingeschlafen als eine bekannte Melodie an sein Ohr drang.

„Pani!“ Er sprang auf, verlor das Gleichgewicht und fiel aus dem Boot. Das Meer war von dieser Melodie erfüllt und Levys Tränen vermischten sich mit den Wellen.

„Wir sind immer bei dir“, konnte er in seinem Herzen ganz deutlich hören. Als er wieder auftauchte, war das Boot leer. Der Fremde war verschwunden und ward nie mehr gesehen. Doch in jeder Vollmond Nacht war Levys Netz voller Muscheln, die voller Perlen waren. Und sein Herz hatte endlich Frieden gefunden.

 

 

 

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