Die Trägerin

 

Ila war eine Trägerin auf dem Landgut des Ludwig Grey. Eine von vielen Frauen, deren Aufgaben es war, Lasten zu tragen.

 

In der Trockenzeit würden sie alle Wasser zum Herrenhaus tragen. In der Regenzeit würden sie alle Wasser vom Herrenhaus weg tragen und in der kalten Jahreszeit würden sie Brennholz tragen.

 

Ila mochte jede der drei Jahreszeiten. Jede brachte ihre eigene Schönheit mit sich, auch wenn jede das Leben auf dem Landgut vor gewisse Herausforderungen stellte.

 

Doch sie waren eine grosse Familie, die sich gegenseitig unterstützte. Die meisten waren schon in der dritten Generation in den Diensten der Greys. Und Ludwig war ein angenehmer, wenn auch strenger Herr. Nur sein Sohn war Ila unsympathisch. Es war etwas in seinen Augen, dass ihr eine Gänsehaut bescherte.

 

Ila hatte die Kunst des Tragens von Kindesbeinen an gelernt. Mühelos balancierte sie schwere Lasten auf ihrem Kopf und seit über zehn Jahren hatte sie keine Last mehr frühzeitig verloren. Ihre Mutter hatte ihr ein Geheimnis verraten. Es waren nämlich weder Gewicht noch Grösse der Last, die sie zu einer schweren Bürde werden liessen. Es war immer eine Frage der Tragzeit und der entsprechenden Pausen. Während sich die meisten Trägerinnen davor scheuten, die Lasten zwischendurch abzulegen, wusste Ila ganz genau, wann es Zeit für eine Pause war, damit die Last nicht zur Bürde wurde. Darum konnte sie auch die schwersten Lasten befördern, wenn auch nur für kurze Zeit.

 

„Lerne deine Grenzen kennen“, hatte ihr Vater immer gepredigt. Dies galt nicht nur für das Tragen sondern auch für den Umgang mit den Herrschaften. Ila hatte sich immer daran gehalten und so ein ruhiges Leben geführt.

 

Bis sich der alte Ludwig ganz unverhofft auf seine letzte Reise begeben hat. Gerne hätte ihn Ila zu seiner letzten Ruhestätte getragen, doch dieses Privileg war den schwächlichen Weissen aus der Kirche vergönnt.

 

Am nächten Morgen hiess der jung Grey alle Bediensteten an sich im Hof zu versammeln.

„Mein Vater war ein törichter, alter Mann. Sein letzter Wunsch war es, euch die Freiheit zu schenken. Als wüsstet ihr mit Freiheit etwas anzufangen. Ihr braucht doch eine Aufgabe, um zu überleben. Nun gut. Er war mein Vater und ich will seinen Wunsch respektieren. Doch unsere Familie hat Schulden. Um diese zu bezahlen, muss ich euch verkaufen. Wer von euch nichts wert ist, der soll die Freiheit bekommen.“

 

So wurden sie zum Markt gebracht um verkauft zu werden. Die gewachsene Familie wurde in alle Himmelsrichtungen auseinander gerissen. Die zwei besten Trägerinnen wurden zu einem Höchstpreis an die Mienen verkauft. Ila wusste noch nicht einmal, wo sich ihre neue Heimat befinden würde. Doch die andere Trägerin wurde ganz blass im Gesicht.

 

„Die Mienen im Norden. Keiner ist je von da zurück gekehrt. Sieh dir die Headhunter nur an, mir schwant Böses.“

 

Ila und ihre Gefährtin wurden mit dem Geländewagen nach Norden gebracht. Die Fahrt dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Ila hatte ihrer Gefährtin lange genug zugehört, um sich ebenfalls vor den Mienen zu fürchten. Sollte ihre Fähigkeit zu Tragen ihr jetzt zum Verhängnis werden?

 

Als die Reise endlich zu einem Ende kam, wurden sie zu den Mienen gebracht. Sie kletterten die wackelige Leiter zum unteren Management herunter. Ein langer dunkler Korridor führte tief in den Berg hinein. Es war schwarz wie die Nacht. Nach einer Weile erschien ein Licht am Ende des Tunnels und vor ihnen öffneten sich die Tore zu einer riesigen Höhle. Die Decke war so hoch wie der Himmel und überall funkelten Sterne.

 

„Ihr werdet die Sternschnuppen nach draussen tragen. Wenn ihr den Bauch eines Schiffes gefüllt habt, seid ihr frei.“

Ila und ihre Gefährtin trauten ihren Ohren nicht. „Frei?“

 

Ihre Freude wurde allerdings getrübt, als sie von den anderen Trägern erfuhren, dass Manche schon über zehn Jahre im unteren Management arbeiteten und der Bauch des Schiffes noch nicht annähernd gefüllt war.

 

Doch Ila wollte nicht aufgeben, ehe sie angefangen hatte. Jeden Morgen war sie die Erste in der Miene und die Letzte, die ging. Und sieh hielt sich immer an die Regel ihres Vaters: Seine eigenen Grenzen kennen.

 

Tage, Wochen und Monate strichen ins Land und nach einigen Jahren kam ihr neuer Herr auf sie zu.

„Wie ist dein Name?“

„Ila“

„Du hast die Bäuche von zwei Schiffen gefüllt. Dir steht es frei zu gehen.“

 

Ila zögerte. Wenn es zwei Bäuche sind, könnte meine Freundin dann mit mir gehen?“

„So läuft das nicht. Du kannst nicht die Schwächen anderer kompensieren. Aber du hast uns sehr viel Geld eingebracht. Nimm soviel du tragen kannst. Es soll dir gehören.

 

Ila sah sich in der Höhle um. „Wirklich soviel wie ich tragen kann?“

„Ich gebe dir mein Wort.“

Neben Ilas Gefährtin waren noch ein Junge und seine Mutter in der Höhle. Ila wickelte den Jungen um den Bauch, setzte seine Mutter auf ihre Schultern und balancierte ihre Gefährtin auf dem Kopf.

 

Der Herr lachte laut: „Da hast du dich übernommen. Das schaffst du nicht.“

Doch Ila ging, Schritt für Schritt. Viele Pausen waren nötig, doch sie erreichte schliesslich die Leiter. Auf jeder Sprosse legte sie eine lange Pause ein und irgendwann stand sie ganz oben im Sonnenlicht. Sie ging unbeirrt weiter. Ein Schritt vor den andern bis sich der Wald hinter ihnen schloss.

 

Sie setzte einen nach dem anderen ab.

„Wie hast du das bloss geschafft?“

Ila zuckte mit den Schultern: „Immer nur einen Fuss vor den anderen.“

Der Junge machte Freudensprünge. „Wir sind frei! Endlich stehe ich auf meinen eigenen Beinen!“

Ila atmete auf: „Nie wieder werde ich die Lasten eines anderen tragen, nie wieder!“

 

 

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