Weihnachtsmärchen - Flämmchen Agni

 

Agni schüttelte sich als wäre er gerade aus einem tiefen Schlaf erwacht. Er sah sich um. Wo war er? Gerade noch hatte er mit seinen Geschwistern im alten Bauernhaus gespielt. Das war ein Freudenfest und so viel leckeres Essen. Nachdem das Buffet unten leer war, erkundeten sie jedes Zimmer im ersten Stock. Schliesslich erforschten sie den Dachboden und tobten im Heu der Scheune.

 

Plötzlich rollte ein lautes Rauschen heran. Alles wurde nass und kalt. Viele seiner Geschwister sind einfach verschwunden und Agni wurde ganz müde, so unsagbar müde.

 

Und jetzt war es überall kalt und weiss. Über sich sah er viele kleine Lichter. Vielleicht ein paar seiner Geschwister. Doch sie waren sehr weit weg und bewegten sich nicht. Möglicherweise waren das seine Cousins die Sterne, die er aber noch nie persönlich kennen gelernt hatte. 

 

Doch dann vernahm er das vertraute Zischen ganz nah. Eine Schwester tauchte auf dem weissen Bett ein paar Meter neben ihm auf. Und da sah er plötzlich einen Bruder und dann noch einen. Sie wurden in farbenfrohes Papier gehüllt, so dass seine Geschwister ein herrliches Farbenspiel auf den weissen Boden malen konnten.

 

„Hallo ihr da. Wo sind wir hier?“

Doch Agnis Rufe schienen sie nicht zu erreichen. Da war zuviel Bewegung zwischen ihnen, aber Agni konnte in der Dunkelheit nicht sehen, was sich bewegte.

 

Er kletterte die Schnur nach unten und stiess auf einen weissen Block. Er war hart und schmierig. Agni konnte sich darauf nicht fort bewegen. Dann war da auf einmal ein lautes Heulen und Pfeifen in der Ferne zu hören, das sich rasch auf Agni zu bewegte. Er wollte sich beeilen, doch so sehr er sich auch bemühte und gegen den weissen Block trat, dieser hatte kein Erbarmen und wollte nicht nachgeben.

 

Das Heulen kam näher und seine Schwester neben ihm erlosch sofort. Agni konnte kaum aufrecht stehen. Das Heulen wehte ihn weg und er wurde ganz müde. So unsagbar müde.

 

Als er die Augen das nächste Mal aufschlug, hörte er das Rauschen wieder. Doch es war angenehm warm und trocken und er war von seinen Geschwistern umgeben. Er atmete auf.

 

„Hallo, wo sind wir den hier?“

„Was ist den mit dir los? Wir sind am Strand. Die Party geht gerade los."

Das Zischen wurde lauter, als immer mehr seiner Geschwister auftauchten.

„Wie sind wir hierher gekommen?“

„Wie meinst du das?“

„Gerade noch war ich auf einem weissen, kalten Bett.“

Die Flämmchen sahen sich fragend an.

„Du musst einfach etwas essen. Da kommt schon der Nachschlag.“

Mit einem lauten Zischen machten sich die anderen Flämmchen über das Holzbuffet her. Das Rauschen war auch immer noch zu hören aber es kam dieses Mal nicht näher.

 

Als das Buffet leer war, verschwanden die meisten von Agnis Geschwister so schnell wie sie gekommen waren. Agni wurde es Angst und Bange. Plötzlich fiel etwas Schweres auf seinen Kopf.

„Pass doch auf!“

Doch es folgten ein paar weitere harte Schläge und Agni wurde ganz müde. So unsagbar müde.

 

Als Agni wieder aufwachte, getraute er sich gar nicht, seine Augen aufzumachen.

„Willkommen mein Sohn.“

Agni schaute sich um. Da war schon wieder diese lange Schnur. Doch er war nicht der einzige. Viele anderen Flämmchen waren in kurzen Abständen über ein saftiges Grün verteilt.

„Wo bin ich?“

„Unter Freunden. Alles in Ordnung Kleiner.“

Agni sah sich immer noch leicht gestresst um. Doch da war zumindest kein Rauschen und kein Heulen zu hören.

„Hey Agni, beruhige dich. Du zitterst ja an der ganzen Flamme.“

„Woher kennst du meinen Namen? Noch nie hat mich jemand bei meinem Namen genannt.“

„Weil die Feuer-Flämmchen sonst keine Namen haben, denn sie wissen nicht, wer sie sind. Das durchschnittliche Flämmchen interessiert sich nur für das Essen. Und dazu braucht man keinen Namen.“

Agni zitterte immer noch.

„Und warum habe ich einen Namen?“

„Hoho! Du mein Kleiner bist ein Feuergeist.“

„Und woher weißt du das?“

„Wir alle hier sind Feuergeister.“

 

„Und wie bin ich her gekommen?“, wollte Agni wissen.

„Naja, falls du nicht fliegen kannst wie der Wind, dann bist du wohl mit dem Funken auf Reisen gegangen.“

„Reisen?“

„Du warst doch vorher schon an anderen Orten, oder?“

„Ich bin immer wieder eingeschlafen und irgendwo anders aufgewacht. Ganz schön verwirrend.“

„Nur am Anfang. Der grosse Funke entscheidet, wo Flämmchen entstehen. Doch die meisten Flämmchen können sich nicht an ihre früheren Reisen erinnern.“

„Aber du kannst dich an deine Reisen erinnern?“

„Natürlich. Wir Agnis bereisen die Welt. Überall wo ein Funke auftaucht sind wir nicht weit. Wir helfen den Flämmchen sich zurecht zu finden, wenn sie erwachen und zu Agnis werden.“

„Und wo sind wir jetzt?“

„Auf dem Weihnachtsbaum, Junge! Einmal im Jahr treffen wir Agnis uns auf dem Weihnachtsbaum, um Erfahrungen auszutauschen und wieder mal ein gutes Gespräch zu führen, ohne das jemand den Weihnachtsbaum gleich aufessen will.“

 

Der Alte lachte. Agni war immer noch verwirrt und etwas ängstlich.

„Da war ein lautes Rauschen, dass mich und meine Geschwister verschlungen hat.“

„Aha, dann hast du unsere Freunde die Wassergeister auch schon kennen gelernt. Ja, das kann ganz schön kalt werden. Hast du auch schon die Erdgeister getroffen? Auf ihren Parties kann es ganz schön schmerzhaft werden. Sie springen dir meistens auf den Kopf.“

„Ach so, Erdgeister also. Und was ist mit dem lauten Heulen?“

„Lass dir von den frechen Luftgeistern bloss keine Angst einjagen. Wir alle arbeiten für den grossen Funken. Unsere Aufgabe ist es, das Gleichgewicht zu erhalten. So wie die Flämmchen meistens nicht wissen, was sie tun, so unwissend sind die Wassertropfen, die Brisen und die Erdkörnchen. Jemand muss sie zurecht weissen, wenn eine Party wieder mal aus dem Ruder läuft. Die Brisen haben nämlich immer nur den Schabernack im Sinn, so wie die Erdkörnchen meist Faulpelze sind. Aber auf ihren Parties gibt es das beste Essen. Und die Wassertropfen sind unglaubliche Tänzer. Aber nimm dich in acht. Sobald du mit einem der wunderschönen Tröpfchen tanzen willst, ist die Party für dich frühzeitig beendet.“

 

Der Alte lachte laut und herzlich. Agni schüttelte den Kopf.

„Auf all den Parties, auf denen ich war, nahm es ein böses Ende. Ich werde mich von ihnen besser fern halten.“

„Nein, mein Kleiner. Es braucht uns alle. Schau her. Den Weihnachtsbaum gäbe es ohne die vier Geister nicht. Die Luftgeister bringen die Samen, um die sich dann die Erdgeister kümmern. Mit der Hilfe der Wassergeister wächst der Baum aber ohne die Feuergeister der Sonne könnte er nicht gedeihen. Und wenn du mich fragst, machen ihn erst die Flämmchen auf den Kerzen zu etwas ganz Besonderem, nämlich zu einem Weihnachtsbaum.“

Der Alte hatte ein spitzbübisches Grinsen. „Aber warte erst einmal den Nationalfeiertag ab. Da legen wir Agnis so richtig los!“

 

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