Märchenstunde - Die Crocs

Die Krogi Brüder waren mit ihren Brüdern und Schwestern vor drei Monaten aus der Fabrik gekommen. Sie kamen frisch ab Presse und hatten grosse Träume. Als Crocs kannst du alles werden, was du willst. Das hatte man zumindest auf die grosse Tafel geschrieben.

 

Die Krogis wurden an ein kleines Schuhgeschäft in einer kleinen Stadt geliefert. Voller Enthusiasmus präsentierten sie ihre grassgrünen Schuhspitzen jedem Kunden, der in das Geschäft kam. Die meisten lachten sie ah, doch keiner nahm sie aus dem Regal, um sie anzuprobieren.

 

„Sie lachen euch aus!“ sagte der Wanderstiefel eines Abends.

„So etwas wie euch hat die Welt noch nicht gesehen.“

„Genau“, sagte ein Krogi stolz. „Wir sind etwas ganz besonderes.“

 

Die Tage verflogen und bald schon fand der Wanderstiefel eine neue Familie. „Lebt wohl. Ich ziehe aus, die höchsten Gipfel der Welt zu besteigen.“

 

Die Krogis träumten jede Nacht von den Abenteuern, die sie bald erleben würden. Doch der Sommer zog ins Lande und als die neue Herbstkollektion eintraf, wurden die Krogis in ein Regal weiter hinten im Laden gebracht. Die Sandalen grüssten freundlich. „Wir sind die Krogis. Tut uns leid, wenn wir euch schon bald wieder verlassen werden. Aber auf uns wartet Grosses.“

 

Die Sandalen lachten. „Der Winter kommt bald.“ Und die Krogis freuten sich darüber. Bald würden sie den Schnee sehen und jemanden durch eine Schneeballschlacht tragen.

 

Am nächsten Tag wurde eine Sandale verkauft. „Seht nur die glücklichen Urlaubsschuhe. Sie werden die schönsten Strände der Welt betreten.“ Und die Krogis träumten von Sandstränden mit Palmen am blauen Meer.

 

Es waren die letzten Sandalen, die verkauft wurden. Die anderen mussten in den Lagerraum umziehen. Die Krogis zogen auch um. Dieses Mal zu den Sportschuhen. Einige von ihnen hatten auch bunte Farben, doch kein Grün leuchtete heller als das der Krogis.

 

„Was seid ihr den?“ wollte ein Laufschuh wissen.

„Wir sind die Krogis von den Crocs. Wir sind etwas ganz besonderes.“

Der Turnschuh lachte: „Was ist den an euch so besonders? Ihr seid Plastikschuhe. Schaut her, ich habe gedämpfte Sohlen und ein Innenfutter aus feinster Wolle. Ihr seid einfach grün.“

 

Als der Laufschuh am nächsten Tag verkauft wurde, begannen sich die Krogis zu fragen, ob da etwas dran sein könnte. Waren sie vielleicht doch nicht so besonders?

 

Kurz darauf mussten auch die Krogis ins Lager umziehen. Und da waren sie sich sicher, dass sie nichts besonderes und zu keinen grossen Abenteuern auserkoren waren. Der Lederschuh neben ihnen versuchte sie zu trösten.

„Macht euch keine Sorgen. Die meisten hier unten sind zeitlose Klassiker. Sieh mich an. Die Leute brauchen immer wieder mal einen soliden Lederschuh. Wir überdauern jeden Modetrend.“

„Sieh uns an. Wir sind grüne Plastikschuhe, ein Modetrend und ziemlich sicher auch ein Modeflop.“

 

Die Krogis suhlten sich in ihrem Selbstmitleid, während die Staubschicht auf ihren Schuhspitzen wuchs.

 

Im Frühling kam Leben ins Lager. Es gab einen Ausverkauf. Doch die Krogis glaubten nicht mehr daran, dass auch sie zu grossen Abenteuern aufbrechen würden. Sie wurden mit den anderen Vorjahresmodellen auf eine Theke vor dem Schuhgeschäft plaziert. Sie standen in der ersten Reihe, doch sie hätten sich am liebsten ganz hinten versteckt.

„Nichts Besonderes zu sein kann ich akzeptieren. Aber ich muss es mir nicht auch noch von jedem Kunden zeigen lassen“, wetterte einer der Krogis.

 

Der Ausverkauf war ein Erfolg, doch auch am letzten Tag standen die Krogis unberührt auf der Theke. Kurz vor Ladenschluss kam eine junge Frau in zerrissenen Kleidern vorbei. „Na toll, die hat bestimmt kein Geld“, dachten die Krogis.

 

Doch ihre Hände griffen nach den Krogis während ihr Gesicht strahlte. An der Kasse fragte der Verkäufer: „Bist du sicher? Das Model ist nicht umtauschbar.“

„Sicher bin ich sicher! Ich gehe auf Weltreise und dazu brauche ich etwas ganz besonderes.“

 

Und so kam es, dass die Krogis, die grassgrünen Plastikschuhe, an der Aussenseite eines Rucksacks die ganze Welt bereisten. Sie bestiegen die höchsten Gipfel und schlenderten über die schönsten Strände. Nach über einem Jahr waren sie in Indien angekommen und die Reise neigte sich langsam dem Ende zu. Den Krogis sah man die Abenteuer an. Ihr Grün hatte einen grauen Schleier bekommen und ihre Spitzen wurden rissig. Auf dem Weg zum Flughafen kamen sie an einer Mutter mit zwei Kindern vorbei, die barfuss am Strassenrand sass. Die junge Frau ergriff die Krogis und drückte sie der Inderin in die Hände.

 

„Hier, sie sind nichts Besonderes. Ich kann sie nicht mehr brauchen.“

Die Krogis waren schockiert, dass die junge Frau sie einfach weggeben wollte. Nach allem, was sie zusammen erlebt hatten. Doch als sie die strahlenden Augen der Inderin sahen, wussten die Krogis, dass sie für diese Frau etwas ganz besonderes waren und jetzt einfach das nächste Abenteuer begann.

 

 

 

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