Die weissen Berge

Lilis zu Hause war eine Bucht in einem Land Namens Indien. Zur linken und zur rechten Seite des Sandstrandes erhoben sich hohe Klippen, welche nur die Mutigsten aus dem Fischerdorf besteigen würden. Es war ein ruhiges Leben hier. Die Menschen lebten von dem, was das Meer ihnen schenkte und sie hatten keinen Grund mehr zu wollen.

 

Manchmal verirrten sich Reisende an diesen einsamen Strand. Gerne hörte man ihre Geschichten aus der ganzen Welt und war sich aber immer einig, dass es nirgends schöner war als in der weissen Bucht.

 

Einmal kam ein Reisender her, dessen Haut so weiss war wie der Sand. Er hatte Geschichten erzählt aus seiner Heimat, wo es Berge gab, viel höher als die Klippen der weissen Bucht und wo der Sand vom Himmel fiel und diese Berge anmalte. Man konnte den Sand sogar essen. Sein Name war Aans. Er hatte Lili sogar ein Bild von den Bergen geschenkt.

 

Seither hatte Lili Berge gesammelt. Sie war erstaunt, wie viele Berge das Meer in einer Nacht an Land spülen konnte. Die gesammelten Berge brachte sie an ihren geheimen Ort. Niemand ausser ihr kannte die Höhle unter den Felsen. Mit der Zeit befand sich in der Höhle ein Meer aus weissen Berggipfeln. Lilis Reich. Sie nannte es Schiitz, wie Aans die Berge genannt hatte.

 

An einem kühlen Morgen hatte der Wind Spinne zu den weissen Bergen gebracht. Seither lebte Spinne in den Bergen. Sie erzählte Lili von der erschwerlichen Reise und war dankbar, dass sie in Lilis Schiitz ein neues zu Hause gefunden hatte. Ein Unwetter brachte auch Krabbe zu den weissen Bergen. Auch er wollte bleiben. Auf ihn folgen Libelle, Einsiedlerkrebs und Hornisse.

 

Sie lebten friedlich zusammen und freuten sich über jeden von Lilis Besuchen. Eines Tages erzählte Krabbe Lili, dass der Weg zum Meer schwierig sei, weil er immer über den grossen Felsen am Höhleneingang klettern musste. Also baute Lili ihm eine Treppe.

 

Spinne erzählte Lili, dass ihr Netz oft kaputt ging, weil die Spinnweben auf dem nassen Stein kaum hafteten. Also brachte Lili ihr Holz mit.

 

Libelle vermisste die Sonne. Also baute Lili ihr ein Haus an der höchsten Stelle von Schiitz.

 

Lili half ihren Freunden gerne. Doch die Bewohner der weissen Berge wurden immer anspruchsvoller mit ihren Wünschen. Eines schönen Tages schlugen sie Lili vor, die Höhle zu vergrössern. Es wäre zum Wohle aller Bewohner und Lili könnte dann auch in der Höhle schlafen und immer bei ihnen sein.

 

„Das kann ich nicht“, antwortete Lili. Die Bewohner waren verwirrt.

„Aber du kannst alles. Du hast die weissen Berge erschaffen.“

 

„Ich kann die Höhle nicht verändern. Mutter Natur hat sie so gemacht. Sie hat mir die weissen Berge geschenkt und euch alle hierher gebracht.“

Die Bewohner waren entsetzt.

„Du willst also nicht bei uns bleiben. Was für einen Sinn hat dann diese Welt und unser Leben hier?“

Und einer nach dem anderen verliessen die Bewohner die weissen Berge.

 

Lili verstand es nicht. Doch sie war nicht lange betrübt. Schliesslich hatte sie die weissen Berge gesammelt, weil sie so schön waren. Es musste keine Stadt daraus entstehen. Tag ein Tag aus kam Lili in die Höhle, um die weissen Berge zu bestaunen und war recht glücklich so.

 

Eines stürmischen Tages brachte der Wind Spinne zurück zu den weissen Bergen.

„Wie schön, du bist zurück gekommen.“

„Der Wind hat mich gezwungen. Ich wollte in das Land der tausend Mücken. Doch nichts hat so funktioniert, wie ich mir das gedacht habe. Als ich es dann endlich geschafft hatte, kam ein Sturm auf und hat mich wieder hierher gebracht. Darf ich bleiben?“

„Es ist nicht an mir zu entscheiden, wie und wo du lebst. Das Leben hat dich her geführt also bleibe, bis der Wind dich weiterträgt.“

 

Da hörten sie einen dumpfen Knall. Krabbe war durch das Loch in der Höhlendecke gefallen. Er sah mitgenommen aus und hinkte.

„Eine Möwe hat mich gefangen, zwei Strände von hier. Als sie dann selbst angegriffen wurde, dachte ich mein letztes Stündchen hätte geschlagen. Doch ich bin hier gelandet.“

 

Und so wurden die Bewohner einer nach dem anderen zu den weissen Bergen zurück gebracht. Sie berichteten von Abenteuern aus der grossen Welt, manche amüsant und manche beängstigend.

 

„Wir wollen hier bleiben und tun was du sagst, Lili.“

„Mutter Natur hat euch her gebracht. Ihr würdet gut daran tun, für einmal auf sie zu hören. Dazu braucht ihr weder meine Worte noch meine Hilfe.“

Lili schüttelte den Kopf. Sie verliess die Höhle und die weissen Berge und kehrte nicht zurück. Die Bewohner waren traurig und verängstigt. Doch es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich fortan auf Mutter Natur zu verlassen und sie taten gut daran.

 

 

 

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