Die Kamera

 

Elena lebte mit ihrem Grosvater auf einem Bauernhof in den Höhen der Alpen. Zum Hof gehörten vier Kühe, acht Hühner, zwei Katzen, ein Hund und natürlich Fly, das Schwein. Es war ein kleiner Hof und die nächsten Nachbarn waren über 30 Minuten Fussmarsch entfernt.

 

Hier war Emilia aufgewachsen. Ihre Mutter war bei ihrer Geburt verstorben und über ihren Vater wurde nicht gesprochen. Doch Elena vermisste nichts, da sie nichts anderes kannte. Manchmal dachte sie an ihre Grosmutter, die vor zwei Wintern mit den Engeln davon gezogen war, und dann wurde sie traurig. Seither hatte sich auch ihr Grosvater verändert. Seine Mundwinkel zeigten meistens Richtung Tal, seine Gesichtsfarbe war neuerdings die Farbe des Schnees im Frühjahr und er schlief viel.

 

Heute war er noch gar nicht aufgestanden. Elena brachte ihm eine Suppe ans Bett, doch als sie zwei Stunden später nach ihm sehen wollte, stand die Schüssel noch unberührt neben dem Bett.

 

„Grosvater? Plagen dich die Käfer?“

„Mein Liebes, sei so gut und lauf zum Nachbarshof. Sie sollen nach dem Kräuterknilch schicken.“

Elena war sofort auf den Beinen, doch auf halbem Weg zur Tür hörte sie den alten Mann rufen.

„Erst musst du die graue Kiste vom Dachboden holen“. Elena erschrak. Solange sie sich erinnern konnte, war es ihr verboten, in die Nähe der Kiste zu kommen. Ein Junge aus dem Dorf hatte vermutet, dass sich ein Kobold darin befinden müsse.

 

Widerwillig klettere Elena die Leiter zum Dachboden hoch. Er war fast leer. An der gegenüberliegenden Wand thronte die grosse graue Kiste. Zu Elenas Erstaunen konnte sie die Kiste mühelos hochheben und damit die Leiter runter klettern.

 

Ihr Grosvater sass auf dem Bett und wartete. Sein Gesicht hatte nun mehr die Farbe der Kiste angenommen. Elena plazierte die mysteriöse Truhe neben ihrem Grosvater auf dem Bett. Ohne Angst und ohne zu zögern öffnete dieser die Kiste. Kein Kobold sprang heraus. Der Grosvater hielt in seinen Händen stattdessen ein purpurnes Samtknäuel.

 

„Es wird Zeit, dass du etwas über deinen Vater erfährst. Er war so etwas wie ein Reisender mit wundersamen Fähigkeiten. Doch er konnte nicht lange hier bleiben und als er ging, liess er dies zurück.“

 

Vorsichtig faltete der Alte das Tuch auseinander und enthüllte einen Metallkasten mit einem grossen Auge. „Das ist eine Kamera. In der Stadt gibt es auch welche. Doch diese hier ist anders. Eine Kamera sollte das Gesicht eines Menschen festhalten. Doch diese hält sein Herz fest. Niemals sollst du sie einem anderen Menschen zeigen, noch darüber sprechen. Verwahre sie immer an einem sicheren Ort.“

 

Elena nickte. Ihre Hände zitterten, als der Grosvater das Metall darin plazierte. „Und nun schick nach dem Kräuterknilch.“

 

Elena brachte die Kiste mit Kamera zurück auf den Dachboden und lief so schnell sie ihre Beine trugen dem Nachbarhof entgegen. Der Nachbar schickte sogleich seinen Knecht zu Pferde los. Elena machte sich ohne zu warten auf den Heimweg, doch dieses Mal liess sie sich mehr Zeit. Der Aufstieg war zu steil, um zu rennen und der Frühling hatte eine märchenhafte Farbenpracht auf die Wiesen gezaubert.

 

Als sie zu Hause ankam, schlief der Grosvater ganz friedlich. Seine Mundwinkel zeigten für einmal nicht Richtung Tal und seine Gesichtsfarbe war auch nicht mehr grau sondern weiss wie Schnee. Es würde noch ein paar Stunden dauern ehe der Kräuterknilch kam und die graue Kiste auf dem Dachboden liess Elena keine Ruhe. Sie kannte Bilder aus den Zeitungen in der Dorfspinte. Darauf waren viele Gesichter zu sehen von Menschen, die meilenweit weg waren. Wie aber würde das Herz eines Menschen aussehen?

 

Elena setzte sich mit dem Samtknäuel vor das Haus. Sie hielt den Atem an als sie den Stoff auseinander faltete. Die Kamera glitzerte im Sonnenlicht. Elena zeichnete ihre Konturen vorsichtig mit dem Finger nach. Als sie das Auge der Kamera berührte, öffnete sich ein kleines Fenster. Elena untersuchte es genau. Plötzlich war da ein greller Blitz gefolgt von einer weissen Rauchwolke. Elena erschrak sich derart, dass sie die Kamera fallen liess. Als ihre Augen sich erholt hatten, sah es aus, als würde die Kamera ihr die Zunge herausstrecken. Elena untersuchte die weisse Zunge vorsichtig. Allmählich waren darauf Gesichtszüge zu erkennen. Es war eindeutig ihre Nase und ihr linkes Auge. Die Konturen waren aber undeutlich. Alles war in ein weiss-rosa Licht getüncht.

 

Schnell lief sie zum Schlafzimmer um dem Grosvater zu berichten. Doch er schlief so friedlich, dass sie ihn nicht wecken wollte. Sie hielt die Kamera fest in beiden Händen. Da schien sich die rechte Ecke der Kamera zu senken. Ein Blitz gefolgt von einer Rauchwolke. Die Kamera hatte ein Bild vom schlafenden Grosvater gemacht. Lange blieb das Bild weiss und es schien, als würde das weiss immer heller leuchten. Da waren keine menschlichen Umrisse nur ein Strahlen, das Elena an die Bergkristalle erinnerte. Am Rand war das Leuchten jedoch anders und Elena schien als könnte sie Flügel erkennen. So wie damals als Grosmutter den Engeln gefolgt war. Und sie wusste, dass sie von nun an alleine auf dieser Welt war.

 

Sie wartete. Auf den Kräuterknilch folgte der Pfarrer und nach ihm alle Nachbarn. Zu guter letzt kam das Gemeindeoberhaupt. „Mein Kleines, die Habseeligkeiten deines Grosvaters werden kaum reichen, um für die Beerdigung zu bezahlen. Für ein Grabkreuz ist nicht genug da. Wir müssen alles verkaufen. Du kannst nicht hier bleiben. Hast du noch Familie?“

Elena schüttelte den Kopf. Sie würde schon ein neues zu Hause finden. Aber der Grosvater hatte ein Kreuz verdient.

 

„Wenn ich ein besonderes Bild von dir mache mit meiner Kamera, könnte der Grosvater dann ein schönes Holzkreuz bekommen?“

Das Dorfoberhaupt war einverstanden. Elena holte die Kamera und drückte auf die rechte Ecke. Die Umrisse des Mannes erschienen auf dem Bild. Das ganze Bild schimmerte dunkelrot und verschiedene Farben umhüllten Arme, Beine und den Kopf.

 

„Was ist das?“

„Ein Bild deines Herzens. Es zeigt, dass du Schmerzen in den Beinen hast und dass du bereust, diese Aufgabe in der Gemeinde zu haben. Und es zeigt, dass deine Frau bald an starkem Fieber erkranken wird.“

 

Der Mann schüttelte sich vor Lachen. Doch er war ein guter Mensch und hatte Mitleid mit dem jungen Mädchen.

„Dein Grosvater soll sein Kreuz kriegen.“

 

Elena strahlte. Es konnte nicht so schlimm sein, die Kamera zu benutzen. Schliesslich hatte sie gerade dem Grosvater zu einem Kreuz verholfen.

 

Elena packte ihr Bündel und am nächsten Tag begab sie sich auf die Reise Richtung Tal. Bald schon hatte sie das Dorf hinter sich gebracht und war somit weiter in die Welt hinaus gegangen als sie sich hätte erträumen können. Sie hatte kein konkretes Ziel. Sie ging, wohin ihre Füsse sie trugen. Als sich die Sonne auf den Horizont zu bewegte, kam ein kleiner Hof in Sicht. Die Bäuerin unterbrach ihre Arbeit mit den Hühnern als sie Elena entdeckte.

 

„Wohin des Weges, mein Kind?“

„In die Welt hinaus. Aber für heute brauche ich ein Nachtlager und etwas zu essen. Ich habe leider kein Geld, nur meine Kamera und mache gerne ein ganz besonders Bild von dir.“

 

Die Bäuerin nickte und führte Elena in die Küche. Elena packte ihre Kamera aus, während die Bäuerin Suppe aus einem Topf schöpfte. Ein Blitz, eine Rauchwolke und ein Bild. Elena betrachtete es lange bevor sie sprach.

 

„Deine Kinder sterben bevor du sie in den Armen halten kannst. Sie kommen mit den Engeln und sind zu zart für diese Welt.“

Dicke Tränen kullerten über die roten Wangen der Bäuerin. „Woher weißt du das?“

„Siehst du die Sterne auf dem Bild? Doch einer ist heller als die andern. Er wird zu dir kommen und bleiben. Du wirst einen Sohn gebären, bevor zwei Winter vergangen sind. Die Bäuerin bedankte sich herzlich als Elena am nächsten Morgen weiter zog.

 

Bevor die Sonne am Höchsten stand, war die Frau des Dorfoberhauptes an schwerem Fieber erkrankte.

 

Elena erreichte am späten Nachmittag ein Wirtshaus. Sie hatte Durst und trat ein. Da war ein einziger Gast. Sie ging auf die Wirtsfrau zu: „Ich habe schrecklichen Durst. Aber ich habe kein Geld. Doch ich will dich mit einem ganz besonderen Bild bezahlen.“

 

Elena brachte die Kamera aus dem Bündel zum Vorschein. Ein Blitz, eine Rauchwolke, ein Bild. Sie schob es der Wirtsfrau zu.

 

„Dein Mann verursacht dir deine entsetzlichen Kopfschmerzen. Gib ihm jeden Abend ein Glas Flusswasser zu trinken und er wird sich bald vom Wein abwenden. Und jetzt da ich hier bin, sollen auch deine Geldsorgen bald verschwinden, sofern du ein Bett für mich übrig hast.“

 

Die Wirtsfrau und der Gast waren erstaunt und begeistert. Der Gast erzählte allen Leuten vom Mädchen mit der Kamera, die im Wirtshaus wohnte und jeden Tag kamen mehr Menschen, um ein Bild von ihrem Herzen machen zu lassen. Sie assen und tranken und bald sorgte sich die Wirtsfrau nicht mehr um das Geld und ihr Mann hatte soviel zu tun, dass er den Wein völlig vergass.

 

In der Zwischenzeit war das Fieber der Frau des Dorfoberhauptes nicht besser geworden. Der Kräuterknilch war ratlos und das Dorfoberhaupt gab Elena die Schuld an diesem Elend. Sie hätte einen bösen Zauber über ihn gelegt, dessen war er sich sicher. Er zog los, Elena zu suchen. Und bald schon hörte er die unglaublichen Geschichten der Herzbilder. Er ritt zum Wirtshaus und zerrte Elena von ihrem Stuhl: „Du Hexe. Du wirst meine Frau wieder gesund machen oder du sollst den Sommer nicht erleben.“

 

Elena versuchte vergeblich ihm zu erklären, dass sie nichts mit dem Fieber zu tun habe und nicht wisse, was man dagegen tun könnte. Doch der Man ritt gnadenlos weiter bis sie in tiefster Nacht in Elenas Heimatdorf zurück kehrten. Mehrere wütend aussehende Menschen warteten, als Elena in das Zimmer der kranken Frau gezerrt wurde.

 

Elena wusste nicht, was sie tun sollte. Wenn der Kräuterknilch nicht helfen konnte, was sollte sie schon ausrichten. Sie umklammerte ihre Kamera. „Warum nicht. Sie hat mir mehr als einmal geholfen“, dachte Elena.

 

Ein Blitz, eine Rauchwolke, ein Bild. „Sie hat von den giftigen Pilzen gegessen. Nun wandelt sie zwischen den Welten und finden den Rückweg nicht.“

 

Der Kräuterknilch beriet sich mit den Anderen. Elena wurde vorerst in den Keller gesperrt. Die Zeit verging. Ihr einziger Gefährte war eine kleine Fledermaus.

 

„Warum haben sie Angst vor mir? Ich habe ihnen nichts Böses getan.“

„Sie fürchten die Wahrheit“, quiekte der kleine Freund.

„Aber ich habe ihnen sogar das Schlimmste erspart. Die kranke Frau hat die Pilze nämlich absichtlich gegessen und der Mann der Bäuerin will gar keine Kinder. Ich habe das Schlimmste für mich behalten und trotzdem fürchten sie mich.“

„Und woher willst du wissen, was das Schlimmste für einen anderen Menschen ist?“ antwortete die Fledermaus und flog aus dem Kellerfenster.

 

Die Tür ging auf und das Dorfoberhaupt betrat den Raum, gefolgt von mehreren Männern. „Meiner Frau geht es besser. Gib uns die Kamera und wir lassen dich in Frieden.“

„Ich will darüber nachdenken.“ Als Elena wieder alleine war, betrachtete sie die Kamera. Hätte sie nur auf den Rat ihres Grosvaters gehört. Ein letzter Blitz, eine Rauchwolke und ein Bild. Das Bild des leeren Kellers. Doch darauf waren zu Elenas Erstaunen mehrere Lichtkugeln zu sehen, vier an der Zahl. Sie erkannte das Gesicht ihres Grosvaters und ihrer Grosmutter. Die junge Frau musste Elenas Mutter sein und neben ihr Elenas Vater.

 

Die ganze Zeit über war sie nie alleine gewesen. „Mein Liebes, du hast deine Sache gut gemacht. Doch manche Menschen sind noch nicht bereit für die Wunder dieser Welt“, vernahm Elena die Stimme ihres Vaters. „Ich war vor vielen Jahren in der gleichen Situation wie du jetzt. Und ich bin gegangen. Ich musste meine Familie verlassen, weil die Menschen hier Angst hatten. Das musst du nicht tun. Sie werden sich an dich gewöhnen und irgendwann deine Fähigkeiten zu schätzen wissen.“

„Aber was soll ich ohne die Kamera tun?“

„Dies ist eine ganz gewöhnliche Kamera, die nicht richtig funktioniert. Du bist es, die die Herzbilder macht.“

 

Elena dachte lange über die Worte ihres Vaters nach. Schliesslich überliess sie die Kamera der Meute. Doch sie verliess den Ort nicht, wie ihr Vater es viele Jahre zuvor getan hatte. Sie kehrte auf den Hof ihres Grosvaters zurück, den niemand mehr haben wollte, da es ein Ort der dunklen Mächte war. So zumindest erzählten sich die Leute.

 

Die Kühe und Hühner, die Katzen und der Hund waren weg. Doch Fly, das Schwein, hatte sich unter dem Haus versteckt und machte Freudensprünge, als er Elena erkannte.

 

Elena führte ein einfaches Leben auf dem Hof. Doch einsam fühlte sie sich nie. Sie wusste, dass ihre ganze Familie nah war.

 

An einem schönen Sonntag im Herbstmonat machte sie sich auf, die Gräber ihrer Groseltern zu pflegen. Auf dem Friedhof trat die Frau des Dorfoberhauptes an sie heran.

 

„Du kennst mein Geheimnis, nicht wahr?“

Elena nickte.

„Kannst du mir helfen?“

 

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