Heilung

 

Der Mensch ist in seiner wahren Natur heil und ganz. Die Seele, der göttliche Funke oder das innere Licht werden nicht von den Bewegungen der Welt berührt bzw. verletzt. Sie kennen den Plan für dieses Leben. Leider kennen Körper, Verstand und Emotionen diesen nicht, unternehmen ihre eigenen Abendteuer und so ist eine Imbalance, ein Ungleichgewicht eher die Regel als die Ausnahme. Das bezeichnen wir dann meist als Krankheit. Es ist nicht ein abweichen vom Plan für dieses Leben. Das ist meiner Meinung nach gar nicht möglich. Aber wir können etwas anderes erwarten, wünschen oder ersehnen und an diesen Wünschen dann auch sehr ausdauernd festhalten. Und dies spüren wir als Ungleichgewicht.

 

Noch vor ein paar Jahrzehnten gehörte es einfach nicht zum guten Ton einzugestehen, dass man sich nicht „heil“ fühlt. Es hätte bedeutet, dass man im Leben etwas falsch gemacht hat, dass man nicht so stark ist wie man es gerne wäre und dass man schlicht versagt hat. Also hat man die Zähne zusammen gebissen und die Schmerzen ertragen, bis sie vorbei waren oder man sich daran gewöhnt hat.

 

Heutzutage gehört es ein bisschen zum guten Ton, sich immerzu mit dem eigenen Heilungsprozess auseinander zu setzen. Dem liegt natürlich die Annahme zugrunde, dass da immer noch etwas fehlt, krank ist oder verbessert werden muss, um wieder ganz zu sein. Man bemüht sich, Schmerzen zu vermeiden, da sie der Inbegriff von Krankheit sind und somit im Heilungsprozess nichts zu suchen haben. Alle Behandlungs- und Therapieformen sollen sanft und effektiv sein. Und sogar wenn wir weinen, wollen wir das verständnisvoll und wissend tun. Niemand will sich vor Schmerzen auf dem Boden wälzen und sich die Seele aus dem Leib schreiben.

 

Beide Ansätze scheinen einen extremen Umgang mit Schmerzen zu pflegen. Schliesslich impliziert Schmerz immer Krankheit und somit Un-Heil-Sein. Es gab aber in der Geschichte auch immer wieder Naturheiler, die den Schmerz als wichtiges Medium im Heilungsprozess angesehen haben. Wie würde das aussehen?

 

Wir würden also physischen Schmerz nicht unterbinden wollen, sondern ihn als Medium der Heilung einladen, damit er auch gleich den emotionalen oder mentalen Schmerz transformieren kann. Wäre es also möglich, dass eine Migräne endlich verschwindet, weil wir gerade keine Schmerzmittel genommen sondern der Migräne und dem dahinterliegenden Heilungsprozess Raum gegeben haben? Wäre es denkbar, dass ein Therapeut einem schmerzenden Muskel soviel Stress zufügt bis der Schmerz unerträglich wird und schliesslich einfach aufhört?

 

Ich weiss es nicht. Ich habe glaube, dass ein physischer Schmerz bei einer Verletzung immer auch von psychisch-emotionalen Erfahrungen begleitet wird. Umgekehrt ist jede emotionale Verletzung auch direkt im Körper spürbar. Jede Zelle, jede Faser, jeder Muskel hat ein Gedächtnis. Es spielt keine Rolle, ob der ursprüngliche Schmerz vermeintlich nur physischer oder nur emotionaler Natur war. Wenn der Schmerz unterbrochen wird, stockt auch der Heilungsprozess. Ein 70-jähriger russischer Therapeut in einem indischen Ashram musste mir zeigen, dass das Zufügen von Schmerz am gleichen physischen Punkt den Heilungsprozess wieder weiter führt. Darum bin ich auch der Überzeugung, dass man dem Schmerz gleich beim ersten Mal Raum geben sollte. Es tut weniger weh ;-)

 

Daniji aus Aurovalley

 

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